Aufsatz 
Gott, Welt und Mensch. Eine weitere Betrachtung zur Einleitung in die Philosophie für Studierende
Entstehung
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beſtimmten Impenetrabilität und Cohäſion ꝛc. eingeengt, und die Veränderungen ſelbſt ſind an eine beſtimmte Coexiſtenz und Succeſſion gebunden und geregelt, endlich einem sffate untemdrfen duucch die Continuieriichleit und Dimenſion in Raum und Zeit.. M

§. 30. Wie indeß die Einheit hier ſich kund thut, iſt ſie noch ſehr verhüll und bei ihre Darſtellung

durch die erſcheinende Verſchiedenheit, durch den Stoff bedingt. Freier und mehr in ihrer eigen⸗ thümlichen Geſtalt tritt ſie hervor da, wo ſie eine Verknüpfung und in ſich ſelbſt zurückkehrende Ver⸗ kettung mehrerer Dinge zu einem Ganzen bewirkt, ſowohl in den Gattungs⸗Verhältniſſen einzeler Dinge, als auch hauptſächlich an dem allgemeinen Organismus des Weltganzen ſelbſt. Die Einheit überwältigt im Organismus das ſchon ihr unterworfene Mannigfaltige vollends und zwingt es zum unbedingten Dienſte für ihre Zwecke. Der Stoff, den ſie in die organiſche Verknüpfung aufnimmt, iſt jetzt ganz andern Geſetzen unterworfen, als welche er außer demſelben befolgt: der bloße Mechanismus und Chemismus werden jetzt genöthigt, in jedem unendlich kleinen Momente ihre grade Bahn zu verlaſſen und einen in ſich ſelbſt zurückkehrenden Kreis zu beſchreiben Die Natur verläugnet im Dienſte des Organismus ihre Trägheit und erſcheint als thätiges Prinzip ihrer Veränderungen, als natura naturans.

§. 31 Es zeigt ſich aber dieſes, wie es ſcheint, nach Zwecken und Abſichten organiſierte Prinzip im

Allgemeinen ſchon an dem großen Gliederbau des Weltalls, an den geregelten Stellungen und Bahnen derjenigen unermeßlichen Körper, welche Himmelskörper heißen und zum Entwicklungsorte für die feinern Organiſationen beſtimmt ſind, welche wir als Menſchen, Thiere und Pflanzen und in Perſpective abwärts, wo die Kraft im todten Stoffe zu verhallen ſcheint, als Cryſtalliſation kennen. Es iſt wahr, es laſſen ſich die Stellungen und Bahnen der Himmelskörper aus dem Con⸗ flicte und Gleichgewichte zweier entgegengeſetzter ſcheinbar mechaniſcher Kräfte(der repulſiven und attractiven) ſelbſt für den Calkül conſtruieren; aber wer iſt es anders, als der Organismus, dieſe Offenbarung der ſelbſtthätigen Natur, welche dieſen Conflict nach beſtimmten Geſetzen anfacht und das Gleichgewicht momentan herſtellt und dann wieder den Gegenſatz hervorruft? Gleichwohl ſehen wir an den Verhältniſſen der Himmelskörper gegen einander nur gleichſam das lebloſe Skelet des liebevolleren Spielens, welches uns die innern Organiſationen der Pflanzen, Thiere und Menſchen, 3 B. auf unſerer Erde, zur Betrachtung darbieten. Es ſcheint, der allgemeine Organismus habe ſich an den ruhigen Bewegungen des geſtirnten Himmels nur erſt eine perennirende Baſis ſeiner inneren und beweglicheren Wirkſamkeit auf den Oberflächen der Planeten zubereiten wollen, um nun auf dieſen, in einem unendlich mannigfaltig verſchlungenen Rhythmus thätig, die Disharmonie der Atome in einem Werden, Blühen, Reifen, Welken und Vergehen bis dahin auszuſöhnen, daß er die ſchönen Accorde, welche der unendliche Raum mit ſeinen Füllungen ſtimmt, auch noch freund⸗ lich zu genießen, zu erkennen und nachzubilden gibt in dem menſchlichen Bewußtſein.

§. 32. Hier an dieſen freieren und beweglichen Organiſationen iſt es, wo die Einheit im Organismus

ihre ganze Macht über die Mannigfaltigkeit des rohen Stoffes und mit einer Leichtigkeit ausgeübt, daß ſie, unbeſchadet der ſtrengſten Geſetzmäßigkeit, oft mit einem Scheine ſpielender Willkühr und bloßer Zufälle den betrachtenden Geiſt überraſcht. In allen Farben kleidet ſich die Pflanze und alle geometriſchen Figuren, Verhältniſſe und Formen hat ſie in ihrer Zeichnung verſucht*), alle

*)Alle Geſtalten ſind ähnlich und keine gleichet der andern, ſagt Göthe in ſeinem ſchönen Gedichte: die Me⸗ tamorphoſe der Pflanzen. 3