—-— 11— Anlage noch nicht gehörig entwickelten Menſchen; in ſolchem muß durch Vorhaltung Deſſen, was er bereits an ſich und an der Welt hat, aber nicht deutlich genug denkt, die Idee Gottes aus ihrem Schlummer geweckt werden; hier iſt nur des Socrates Hebammenkunſt nöthig.
Aber Gottes Sein iſt keines Beweiſes benöthigt für den Menſchen von ausgebil⸗ deter Vernunft, dem in der Idee des Menſchen zugleich die Idee Gottes*) gegeben iſt. Wer zu philoſophieren vorgibt und noch nach einem ſolchen Beweiſe fragt, gibt ſich daher der philoſophiſchen Verachtuung preis und verdient keine Antwort. 3
Heißt ferner beweiſen ſo viel als Etwas von ſeinem Grunde ableiten, ſo wäre es der ärgſte Widerſpruch, Gottes Sein beweiſen zu wollen, da Gottes Sein als das höchſte, als der Grund, von dem Alles,(Welt⸗ und Menſchen⸗Daſein) abhaͤngt, gedacht wird; in dieſem Sinne iſt Gottes Sein eines Beweiſes nicht nur nicht beduͤrftig, ſondern nicht einmal fähig. Es iſt ſchlechthin unbeweisbar, aber dabei axiomatiſch gewiß.
Heißt endlich beweiſen ſo viel als Etwas, das er ſonſt ſchlechthin nicht anerkannt hätte, erſt dadurch einem geben, daß man davon ein Bild machte oder es ihm vorzeigte, ſo hat dieß, auf Gottes Daſein angewandt, gar keinen Sinn; es iſt in dieſer Anwendung ein hölzernes ECiſen. Der Art ſind auch die unſinnigen Behauptungen der alten und neuern Sophiſen, daß die Furcht, die Erziehung, die Politik die Götter und Gott eingeführt habe.
§. 11. Da die Philoſophie, um auch nur beginnen zu können, die Ideen von Gott, der Welt und
dem Menſchen bereits vorausſetzt, ſo weiß ſie von keinem Bedurfniß, Gottes Sein zu beweiſen. Dieſes iſt ihr, wie ſchon erwähnt, axiomatiſch gewiß. Was ſie näher zu entwickeln ſucht, ſind bloß die Verhältniſſe der Gottheit zur Welt und zum Menſchen. Sie läßt den bisher verſuchten ſo genannten Beweiſen ihren pädagogiſchen Werth, ohne aber denſelben ſelbſt eine Stelle einräumen zu können, und bemitleidet nur die Meinung der Urheber des einen oder des anderen Beweiſes, allein den rechten Punct getroffen und alle übrigen als Scheinbeweiſe in ihrer Unzu⸗ länglichkeit entdeckt zu haben; ſie glaubt vielmehr, daß alle erſt in ihrer Verbindung zum Ganzen ihren Zweck erreichen, und daß ſo wenig durch einen derſelben oder durch alle bisherigen das
Ganze erſchöpft ſei, daß ſich vielleicht noch immer neue auffinden laſſen. Anmerk. Bis jetzt zählt man einen ontologiſchen, keamologiſchen, phyſiko⸗ theologiſchen und hiſtoriſchen Beweis für das Daſein Gottes auf.
1) Der ontolog. Beweis ſchließt alſo: Wem alle möglichen Bollkommenheiten zukommen, dem muß auch das Daſein zukommen, weil dieß ebenfalls eine Vollkommenheit iſt. Nun kommen der Gottheit vermöge des Begriffs eines allervollkommenſten Weſens(wie ihn die Ontologie, ein Theil der Metaphyſik, auſſtellt, daher der Name) alle mög⸗ lichen Vollkommenheiten zu, alſo: muß ihm auch das Daſein zukommen.— Mit Recht hat man gegen dieſen Beweis eingewendet, daß er vor Allem darthun müſſe, daß das Daſein irgend eines Dinges als eine Vollkommenheit irgend eines Dinges zu betrachten ſei. Das Prädicat Sein vermehrt keineswegs die Vollkommenheiten eines Dinges. Der Beweis heißt auch der anſelmiſche, weil Anſelm von Canterbury(geb. 1034 oder 35) ihn erfunden haben ſoll, obwohl ſchon der Stoiker Kleanthes einen ähnlichen aufſtellte. Er heißt auch der carteſianiſche, weil ihn C arteſius beſonders in Schutz nahm.
2) Der kosmologiſche Been ſchließt auf das Daſein Gottes als eines nothwendigen Urweſens von der Zufälligkeit der
Welt(Contingentia mundi, wie Leibnitz es nannte). Aber wollte er volle Giltigkeit haben, Jo müßte er nachweiſen, daß die
Welt im Ganzen zufällig ſeil Nach der bisherigen Erfahrung iſt ſie nur theilweiſe zufällig. Zudem könnte das alſo erſchloſſene Urweſen auch ein bewußtloſer Urgrund der Dinge ſein(Cauſal⸗Nerus), welcher dem religiöſen Gemüthe nicht genügt.
*) Cicero's N. D. 1, 16, 43 sine doctrina anticipatio deorum, quam appellat mr0O6A*, dν Epicurus, i. e., an- ticipatam animo rei quandam informationem, sine qua nec intelligi quidquam nec quaeri neo disputuri potest, womit zu vergleichen iſt Tusc. Quaest. I, 13, 30.
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