Aufsatz 
Gott, Welt und Mensch. Eine weitere Betrachtung zur Einleitung in die Philosophie für Studierende
Entstehung
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421 11 920§. 8. K. minmins In ſo fern iſt es auch gleich viel, ob die Philoſophie von der Idee Gottes, oder von der der Welt, oder von der des Menſchen ausgeht. In jeder dieſer Ideen ſind zugleich auch die beiden andern gegeben, und keine iſt ohne die andere verſtändlich. Zuerſt gieng ſie(bei den Joniern) aus von der Idee der Welt, ſo lange das menſchliche Forſchen mehr von Außen angereizt und alſo mehr auf die äußere Welt hingerichtet ward. Weil aber bei noch duürftiger Entwicklung der Ideen und bei der Armuth an phyſikaliſchen Erfahrungen der Verſuch mißlang, verſprach man ſich nachher beſſern Erfolg, wenn man, wie Sorrates und die ſtrengen Socratiker, vom Menſchen ausgieng; und als man auch nicht auf dieſem Wege die Befriedigung fand, die man gehofft hatte, ſo ſchlugen einige, wie zuerſt Plato, endlich den dritten ein, der mit der Gottheit anhebt. Dieſer Gang iſt freilich der Wiſſenſchaft als ſolcher der angemeſſenſte, indem, was höchſtes Prinzip in der Natur iſt, auch höchſtes in der Wiſſenſchaft ſein ſoll; aber zuverläſſſg iſt er auch nur dann, wenn bei höherer Cultur der Vernunft die Ideen ſchon ſo weit entwickelt ſind, daß ihre anerkannte Wechſel⸗ beziehung dem forſchenden Geiſte auch da das Neuere zur Beachtung vorführt, wo dieſer auf dem höchſten Standpuncte der Speculation ſich befindet. Weniger kühn iſt allerdings der Weg, wo die Philoſophie vom Menſchen ausgeht, ihr Forſchen aber ſich allmählig über das Weltganze verbreitet und endlich bis zum Schlußſteine deſſelben, bis zur Gottheit, erhebt. Von da mag ſie alsdann, Alles in höherem Sinne betrachtend, wieder zur Welt herabſteigen und endlich beim Men⸗ ſchen heimkehren, um ihm Anleitung zu geben, im Geiſte Gottes und in Uebereinſtimmung mit der geſammten Natur(naturae convenienter vivere) in ſeinem, dem menſchlichen, Wirkungskreiſe thätig zu ſein.(Analytiſche und ſynthetiſche Methode, Elementar⸗ und transcendentale Lehre.)

A. Gott.

§. 9.

Hier begegnet zuerſt die vielfach erhobene Frage: Ob Gott ſei? Mehrere haben die An⸗ nahme des Daſeins Gottes eines Beweiſes bedürftig geachtet und entweder dieſen führen zu können geglaubt, oder, weil ſie daran zweifelten, die Sache ſelbſt als unentſchieden gelaſſen und gelaͤugnet. Andere laſſen Gottes Daſein axiomatiſch gewiß ſein und verwerfen um ſo mehr jeden Verſuch, es zu beweiſen, als ſie durch die bisherigen ſo genannten Beweiſe unbefriedigt geblieben ſind.

Jene, welche Gottes Sein anerkennen, ſie mögen es für axiomatiſch gewiß halten oder es beweiſen zu können glauben, werden im Allgemeinen Theiſten(Gottesgläubige), diejenigen hin⸗ gegen die von der Annahme ausgehen, daß Gottes Sein eines Beweiſes bedürfe, dieſer aber nicht geführt werden könne, werden, wenn ſie Gottes Sein ſelbſt deßwegen bezweifeln, Gottes⸗ Bezweifler(CTheoſkeptiker), wenn ſie es aber deßwegen läugnen, Gottesläugner

(Atheiſten) genannt. §. 10.

Um dieſen Streit zu entſcheiden, iſt wohl eine erſchöpfende Erklärung des Wortes beweiſen nach allen ſeinen möglichen Bedingungen nothwendig. Heißt beweiſen ſo viel als den noth⸗ wendigen Zuſammenhang einer Sache mit etwas Anerkanntem nachweiſen, alſo bloß entwickeln, was in einer unbezweifelten Annahme bereits entwickelt liegt, daraus aber noch nicht entwickelt worden iſt, weil jene Annahme zwar ſich als gewiß aufdringt, aber nicht nach ihrem ganzen In⸗ halte gedacht wird; ſo bedarf es wohl eines Beweiſes für den rohen, ſelbſt mit dem, was er iſt, und mit der ihn umgebenden Welt noch nicht genugſam bekannten und nach ſeiner Vernunft⸗