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griechiſchen Alterthums(Socrates, Plato) wie der Neuzeit(vor allen J. G. Fichte*) und Herbart) unbedingt nothwendig ein tieferer Blick in das ganze Gebiet der Philoſophie, beſonders in den ethiſchen oder ſittlich⸗religiöſen Theil derſelben, durch welchen der bibliſche ſittlich⸗religiöſe Schatz wenn auch nicht erſt recht verſtändlich und erfaßbar, doch im Leben erſt in ſeinem ganzen Segen ſelbſt in den ſonſt dafür unempfänglichen Zeiten und Kreiſen anwendbar und auch intellectuell auf die Dauer befeſtigt wird. Der große Kirchenvater Clemens von Alexandrien empfiehlt aus gutem Grunde Jung wie Alt, Männern wie Frauen ꝛc. auf das wärmſte das Studium der Philoſophie, wenn auch damals von mancher Seite geſchmäht.(S. unſeren Grundriß der Geſch. der Phil. S. 105). Nur der gründlich philoſophiſch Gebildete iſt auch wahrhaft religiös gläubig, weil er weiß, was er nicht wiſſen kann, und ſeine Freiheit iſt die von Fenelon bezeichnete: l'esclavage des lois.
Die Lehrgegenſtände als Wiſſenſchaften(als Theologie, Philologie, Hiſtorie, Ma⸗ thematik, Naturwiſſenſchaft ꝛc.) ſtehen hinſichtlich ihres einheitlichen Zieles in der Schule ſowohl wie im Kopfe des Zöglings unvermittelt neben, oft auch, ohne daß es von den Trägern derſelben beabſichtigt wird, gegen einander. Dagegen der pädagogiſche Religions⸗ lehrer, der philologiſche, hiſtoriſche, mathematiſche, naturwiſſenſchaftliche ꝛc. Pädagog, dieſe können und müſſen nur ein Ziel haben: die naturgemäße Entwickelung des Zöglings (αα⁴εdæ, eruditio), damit zugleich die Stärkung der angeborenen göttlichen Anlage(Vernunft) Schärfung und ſittliche Zucht des Verſtandes, Reinigung(,90¹⁸) von unordentlichen Trieben und Begierden mittels der herkömmlichen, die materielle Brauchbarkeit für das Leben mehr oder minder zugleich berückſichtigenden Lehrgegenſtände, unter welchen der kindlich an⸗ ſchauliche Kern der allgemein giltigen ſittlich⸗religiöſen Wahrheiten der Bibel, ſowie Mutterſprache und vaterläͤndiſche Geſchichte zugleich der Mittelpunct ſein müſſen, an welchen alles fremdſprachliche, geſchichtliche, phyſikaliſche und philoſophiſche Wiſſen methodiſch ſich anknüpft, damit die zu erſtrebende Jugendbildung nicht in der Luft ſchwebe, ſondern auf poſitivem, alſo feſtem(nationalem und confeſſionellem) Grunde fuße. Solche Schule, ſolche Pädagogik dürfte wohl in allen Kreiſen eine Achtung gebietendere Stellung einnehmen, als bisher der Schule zu Theil ward. Die Pädagogik iſt zu weit vorgeſchritten, als daß ſie wieder in ihre fruühere Stellung zurückkehren oder zurückgebracht werden kann, aber in Bezug auf das ſittlich⸗religiöſe Ziel noch nicht weit genug, um von allen Vorwüͤrfen deßhalb geſichert und befreit zu bleiben. Die Pädagogen in Deutſchland beherrſchen bereits ein großes Feld des gründlichſten Wiſſens, wie in keinem andren Land. Der weitere Schritt iſt, mit Socrates zu wiſſen, daß man nichts weiß, was in unſere Sprechweiſe überſetzt heißt: die Grenzen zwiſchen demonſtrablem und nicht demonſtrablem Wiſſen, oder die Grenzen zwiſchen Wiſſen und Glauben.
*) Von politiſcher Seite rüſtet man ſich in dieſem Augenblicke zu einer Feier des 100. Geburtstages dieſes ſeltenen Characters im Denken wie in dem damals gedrückten politiſchen Leben Deutſchlands. Eine Feier desſelben von pädagogi⸗ ſcher Seite wäre wenigſtens nicht minder begründet, indem Fichte's hohe und fruchtbare Idee von einer deutſchen National⸗ zugendbildung mittels der damals gefeierten Methode Peſtalozzi's noch der allſeitigen Ausführung entgegenharrt.


