Aufsatz 
Verdeutschung und Erklärung des sechsten platonischen Briefes : Probe einer demnächst im Druck erscheinenden Uebersetzung aller dieser Briefe
Entstehung
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und Coriscus länger als von Dir gemachten Erfahrung, daß Du keine zuverläſſigere Freunde finden werdeſt, als eben jene Deine Nachbarn; ich rathe Dir alſo, auf alle mit der Tugend verträgliche Weiſe mit dieſen Männern in Verbindung zu treten und das für keine Kleinigkeit zu halten: Dem Coriscus aber und dem Eraſtus rathe ich, dem Hermias dieſe Anhänglichkeit zu erwiedern ⁰⁹) und durch die gegenſeitigen Beweiſe von Liebe ein unzertrennliches Freundſchaftsband zu erreichen zu ſuchen. Wenn aber Einer von Euch ein Mal dieſes Band auf irgend eine Weiſe zu lockern ſcheinen ſollte,(denn ¹⁰⁹) alles Menſchliche iſt nicht von ewiger Dauer): ſo ſchickt den Klagepunct in einem Briefe hierher vor meinen und der Meinigen Richterſtuhl; denn Falls der Bruch etwa nicht allzu groß iſt, ſo denke ich, daß unſer von hier ausgehender Spruch auf dem Grunde des Rechts und Rechtsgefühles eher als jede Zauberſtimme ¹¹) den Bruch der früher beſtandenen Liebe und Gemeinſchaft wieder heilen und vermitteln werde. Wenn alle insgeſammt, wir und Ihr, nach allen unſeren Kräften und jedesmaligen Verhältniſſen, darnach ſtreben: ſo werden meine jetzigen Prophezeihungen in Erfüllung gehen; die Folge aber von dem Falle, daß wir dieſe Anſtrengungen unterlaſſen, will ich nicht ausſprechen; denn ich ſpreche nur ein Wort ¹²) guter Vorbedeutung und ſage alſo nur das: wir werden alle die oben angedeuteten Beſtrebungen glücklich zu Ende bringen, wenn ein höherer Geiſt es will.

Dieſen Brief müßt Ihr alle drei leſen, am liebſten zuſammen, wenn das nicht angeht, ſo leſet ihn zu Zwei ¹³) nach Vermögen ſo oft als möglich in Gemeinſchaft; macht ein Bündniß ¹¹⁴) und unterwerft Euch als Eurem Herrn dem moraliſchen Weltgeſetze ¹⁵⁸), indem Ihr, wie es ſich ziemt, mit dem Eifer des Geiſtes ¹⁶) und mit kindlichem Spiele ¹⁷), welches mit dem wahren Eifer eng verbunden iſt, Euch heilig verpflichtet ¹s) erſtlich bei dem göttlichen Regierer und Lenker aller Weſen, die da ſind und ſein werden, und dann bei dem Herrn und Vater unſeres Regierers und Urhebers; und wenn wir mit wahrer Liebe der Wiſſenſchaft leben, ſo werden wir dieſen(Herrn und Vater) in ſeiner Klarheit erkennen, ſoweit es Menſchen möglich iſt, welche den beßren Theil erwählt haben.

Anmerkungen.

Quae Ciceroni obtigit interpretum et editorum felicitas, ea adeo caruit Plato, ut non solum paucos nactus sit, qui ejus scripta typis ederent, sed qui ejus orationi nitorem restitueret eamque a corruptelarum labe purgaret et sensus obscuros atque abditos ex interiore doctrina patefaceret neminem. Dieſe Bemerkung Ruhnken's(aus der praef. der erſten Ausg. des Homer. Hymnus auf die Ceres) gilt, ſo Viel auch ſeit dem für Plato geſchehen iſt, immer noch in Bezug auf deſſen Briefe. Nur die Frage über deren Aechtheit hat ſeit dem deßhalb von Meiners(1783) erhobenen Zweifel(Judicium de quibusdam Socraticorum reliquiis) öfter die gelehrte Welt beſchäftigt. Aber dieſe Frage wird nicht zu völligem Abſchluſſe kommen, bevor die einzelen Briefe gehörig bearbeitet worden ſind. Unſere deßfallſigen Bemühungen ſind enthalten