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ungeachtet ſoll von unſerer Seite die Erklärung gegeben wer⸗ den, daß wir die ſentimentale und Nachahmungs⸗Poeſie gern mit offenen Armen wieder aufnehmen wollen, wenn ſien nur irgend einen vernünftigen Grund angeben könnte, weßhalb ſie in einem Staate von vollkommner Verfaſſung vorhanden ſein müſſe; denn wir kennen aus Erfahrung ihre entzückenden Reize, aber darum dürfen wir eine gewonnene wahre Ueber⸗ zeugung nicht verrathen; es wäre ja bei Gott nicht zu ver⸗ antworten.*) Nicht wahr, auch du, mein Lieber, biſt ein Freund der Poeſie, beſonders wenn ſie dir in der Perſon d des Homer erſcheint? 1170 u2 1124
Glauco. Ja ſehr.
Sokrates. Ihr iſt alſo das Recht eingeräuntg aus der Verbannung wieder zurückzukehren, wenn ſie ſich gründlich vertheidigen können wird, ſei es in einem ennüiſchen Chor oder in einem andern Metrum? tath
Glauco. Ja wohl.
Sokrates. Und dazu wollen wir auch den ihrem Rechte vorſtehenden Patronen, ſofern ſie nicht ſelbſt Dichter⸗Genies ſein wollen ,ſondern nur Dichterfreunde, die außerordentliche Erlaubniß geben**), für ſie eine Vertheidigungsrede, aber in verſtändiger Proſa, über das Thema zu halten, wie ſie ie nicht
ihre wiſſenſchaftliche Fortbildung in der Philoſophie. Aber ſo acht⸗ bar ihre Schulen waren, ſo vermochten ſie doch das homeriſch⸗ heidniſche Griechenleben nicht mehr ſittlich umzubilden. 5 Bekanntlich war Plato, wie oben ſchon bemerkt wurde, ehe er an ſich ganz der Philoſophie widmete, ein eifriger Dichter; er übte ſich Win der epiſchen, lyriſchen und dramatiſchen(tragiſchen) Poeſie. rnn Als er Sokrates kennen lernte, war er eben im Begriff, mit einer Trilogie in einem Wettkampf aufzutreten. Nach jener Bekanntſchaft ſoll er aber dieſe, wie alle ſeine Poeſien, vernichtet haben. *. Die eigentlichen Verbannten ſtanden nach attiſchem Rechte in ihrem Vaterlande in gar keinem heimiſchen Rechtsvereine, und für ſie ſich zu verwenden, war geradezu verpönt. S. Wachsmuth's H. A. II, nna, S. 266. Plato iſt daher mehr als human gegen die verbann⸗ ten Dichter und legt ihnen, wenn auch nicht ohne die feinſte Jronie, glühende Kohlen auf's Haupt, indem er ihnen das Recht von Bei⸗ mirſaſſen oder Metöken ertheilt, das Recht nämlich, durch einen ge⸗ wählten Bürger, Proſtates genannt, ihre Intereſſen zu beſor⸗
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