Aufsatz 
Weiteres Bruchstück aus dem Wegweiser zur Wissenschaft und zum Studium der Hochschule u. über die Naturwissenschaft / Wilhelm Wiegand
Entstehung
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I. Ueber Ider und BVedeutung der (empiriſchen) Naturwiſſenſchaft. nenete

In gewiſſem und weiteren Sinne des Wortes ſind faſt alle Wiſſenſchaften Naturwiſſenſchaften(ſ. Progr. 1853, S. 5). Was iſt nun das beſondere Kennzeichen der empiriſchen Naturwiſſenſchaft? Die empiriſche Naturwiſſenſchaft lehrt uns das Wirken der(geiſtigen) Kräfte auf die körperliche Maſſe, auf die Materie, erörtert auf die anſchaulichſte Weiſe die Begriffe von Sein und Leben von der unterſten bis zur höchſten Stufe und zeigt uns die Geſetze von jenem unend⸗ lichen Uhrwerk, das wir Welt nennen. Gott iſt der Inbegriff aller Bollkommenheit, die Welt iſt der Spiegel ihres Seins und alſo die Offenbarung ihrer Größe, Weisheit, Güte u. ſ. w. In ihr leſen wir die vollkommenſte und heiligſte Geſetzmäßig⸗ keit. Die Naturgeſetze bilden die vollkommene Verfaſſung des Weltalls und zeigen, daß das Einzele wie das Ganze deſto vollkommener und glücklicher iſt, je mehr es im kleineren Maß⸗ ſtabe jene große Vollkommenheit in ſich nachzubilden ſtrebt. Griechen und Römer haben daher auch bei ihrer Entbehrung einer Offenbarungs⸗Religion ihre Staats⸗ und Sitten⸗Lehre (die scientia rerum humanarum) auf die Phyſik, auf die scientia rerum divinarum, zu gründen geſucht, und die Stoiker gaben deßhalb die beſtimmte Vorſchrift: naturae con- venienter vivere, indem ſie nach der Sitte des Alterthums das WortNatur in einer höheren Bedeutung gebrauchten, als die Neuzeit. Die Natur kann und ſoll für uns nicht mehr Grundlage der Ethik ſein. Für uns iſt ſie etwas Anderes. In den barbariſchen Zeiten benutzte der Menſch den Menſchen zu ſeinen Zwecken, in civiliſirteren benutzte er das Thier dazu, die Zeit der fortgeſchrittenen Naturwiſſenſchaft