Aufsatz 
Drei Paragraphen über Ideal, Einteilung und Gliederung der Philosophie. Aus einer zum Drucke bereit liegenden Handschrift: Wegweiser zur Wissenschaft und zum Studium der Hochschule für Schüler der obersten Klassen von Gymnasien
Entstehung
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erſcheint erſt die Tüchtigkeit oder Tugend der Menſchennatur in ihrem unvergänglichen Werthe, indem letztere zwar noch menſchlich fehlen aber nicht ſinken kann, während die Tugend des natürlich guten aber nicht durch Einſicht gut gewordenen Menſchen der nächſten inneren oder äußeren Verführung zur Beute wird, ſobald die Schranke der Strafe oder Belohnung für ihn nicht mehr ſichtbar iſt.

Hiernach iſt das Wiſſen der rechten Erkenntniß auch rechte That(activ), die wahre Theorie im Reiche des Geiſtes auch wahre Praris. Einer tieferen Betrachtung erſcheint daher eine Unterſcheidung von theoretiſcher und praktiſcher Philoſophie wenigſtens unnöthig und unnatürlich, wie denn Ariſtoteles durch die Abweichung von dem einfachen und im natürlichen Entwicklungsgange der griechiſchen Philoſophie begründeten Lehr⸗ gebäude derſelben(Phyſik, Dialektik, Ethik, von welcher letz⸗ teren die Politik ein Kapitel war) und durch die Schöpfung jenes ausdrücklichen Unterſchiedes nur ein Unvermögen bewieſen haben dürfte, die große Mannigfaltigkeit der Forſchungen, welche ſich ihm darbot, in ein ſicher gegliedertes Ganzes zu bringen. Deſſen ungeachtet werden wir jene Unterſcheidung beibehalten, theils weil die neuere Zeit für die einfache Ein⸗ theilung der alten Denker keinen Sinn mehr hat, theils weil eine logiſcher durchgeführte Gliederung, wie z. B. die von Hegel, für angehende Jünger der Philoſophie weniger räth⸗ lich erſcheint, theils weil die herkömmliche Eintheilung immer⸗ hin bequem iſt, die vielfachen Thätigkeiten überſichtlich an⸗ zudeuten, welche von der einmaligen Erfaſſung des obengedachten Grund⸗Verhältniſſes in dem Menſchen bewirkt und unauf⸗ haltſam in ihm wie in ſeiner Umgebung verbreitet werden.

Gleichzeitig mit der vorhin gedachten moraliſchen Um⸗ wandlung tritt bei den denkenden Menſchen eine noch größere in der Erkenntnißweiſe ein, indem die Philoſophie erſtlich im Allgemeinen die dem Sinnen⸗Menſchen zunächſt liegende Ord⸗ nung der Dinge(wornach das Sinnenfällige das Erſte und Wahre, das Ueberſinnliche aber das Zweite und Wahrſcheinliche