Aufsatz 
Über die Vermittelung des niederen und höheren Unterrichtswesens zunächst im Großherzogtum Hessen. Ein Beitrag zur praktischen Pädagogik, geschrieben im Jahre 1847
Entstehung
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Beide Parteien des genannten Ortes hatten Recht und dadurch auch beide Unrecht; dort wie

in allen ähnlichen Orten dürften aber beide Parteien ſich leicht vereinigen im Falle der allgemeineren Verwirklichung eines Gedankens, der eben der Gegenſtand folgender Zeilen ſein ſoll. Der Gegner, welcher die Zweckmäßigkeit und Gemeinnützigkeit einer neben der gewoͤhnlichen Volksſchule auf Koſten derſelben Gemeinde zu errichtenden Realſchule beſtritt, hatte einerſeits Recht. Denn auch die gute Volksſchule(und beſtehende Schulen zu verbeſſern oder gut zu machen iſt leichter, als ganz neue gründen) lehrt die für die meiſten Einwohner der Flecken und kleinerer Städte nöthigen ſ. g. Realien und nebſtdem gewöhnlich noch etwas Mehr: eine ſtufengemäße Entwicklung des Kindes. W. Menzel, der Geſchichtſchreiber der Deutſchen bemerkt:In den Volksſchulen haben die Realien Wurzel gefaßt, hier iſt im Stillen Mehr geſchehen, als in den vornehmen Schulen bei allem Geſchrei. Und J. J. Rouſſeau hat den auffallenden aber viel Wahres enthaltenden Aus⸗ ſpruch gethan: Bis zum zwölften Jahre ſolle man die Zeit beim Knaben auf die rechte Weiſe zu ver⸗ lieren ſuchen. Will wol ſagen: man ſolle ihn bis zum zwölften Jahre dem kindlichen Alter gemäß entwickeln und ſeinen Kopf nicht als einen Thurm anſehen, in dem er in der Jugend allerlei Kenntniſſe aufſpeichern müſſe, um daraus in den ſpäteren Jahren alle Mittel für ſein Fortkommen und ein genußreiches Leben zu nehmen. Die Volksſchule will und muß dies Verfahren des entwik⸗ kelnden Unterrichtes ſtrenge einhalten, muß, weil die Mehrzahl ihrer Schüler ſie dazu nöthigt., Mit geſonderten Realſchulen in kleinen Orten iſt es anders; ſie kann oft nicht und darf manchmal auch nicht ſo elementariſch entwickelnd verfahren. Obgleich ſie oft unwillkührlich nur eine Volksſchule der Honoratioren des Ortes wird(und dieſe Scheidung iſt gewiß auch kein Vortheil für das Allge⸗ meine); ſo kann ſie oft doch das Verfahren der guten Volksſchule nicht beobachten, weil ſie meiſt ihre Schüler zu frühe mit zu Vielerlei und der kindlichen Faſſung entfernt liegenden Gegenſtänden beſchäf⸗ tigen muß. Um den frühe die Schule wieder verlaſſenden Schülern das Nothwendige oder das von den Eltern für ihre beſonderen Geldopfer Verlangte beizubringen, muß ſie eben auf dies Beibringen der fraglichen Kenntniſſe und von der elementariſch entwickelnden Methode in den meiſten Fächern ab ſehen. Dadurch aber krankt ſie ſelbſt von unten herauf und macht auch die neben ihr ſtehende Volksſchule krank, und ſtellt dieſe mit Allem, was ihr angehört, in den Schatten, indem dieſelbe nur die Kinder der Eltern übrig behält, welche ein⸗ höheres Schulgeld nicht erſchwingen können.

Die Gegenſeite des erwähnten Ortes, welcher die beſtehende Volksſchule nicht genügte und eine, wenn auch für die Minderzahl nur zugängliche weitere Unterrichtsanſtalt wünſchte, hatte auch ihr Recht, darin nämlich, daß das Ziel der Volksſchule, wie ſie jetzt beſteht, für viele Bewohner, ſelbſt in großen Dörfern, nicht mehr⸗ ausreicht, ſo wie ſie auch früher in kleinen Städten nicht ausreichte, in welchen neben ihr meiſt noch eine ſ. g. lateiniſche Schule beſtand. Ich ſage: ſie reicht nicht mehr aus, wiederhole aber dabei, daß ich das Unterrichts⸗Verfahren der guten Volksſchulen bis zum 11 12 Jahre der Jugend für das geeignetſte halte. Sagt man, die Eltern, welchen die jetzige Volksſchule für ihre Kinder nicht genügt, wären zur Vermeidung weiterer Gemeinde⸗Laſten an die beſtehenden Realſchulen und Gymnaſien in den Provinzen zu verweiſen, ſo iſt dieſe Entgegnung doch nicht durchgängig haltbar, ſelbſt nicht in Abſicht der wohl vermögenden Eltern. An den Früchten eines zweckmäßigen Unterrichtes hat auch der Genuß, welcher keinen directen Vortheil davon zieht, d. h. hier, der keine Kinder in denſelben zu ſchicken hat. Der Umlauf der Bildung darf nicht bloß in dem Herzen eines Landes oder einer Provinz ſtattfinden, ſondern muß zu allen Gliedern kommen. Nur dadurch wird jeder Ort verſtändige und geſchickte Gemeinde⸗Beamten, Vertreter u. ſ. w. erhalten; nur dadurch erhält auch das Kind unbemittelter Eltern Gelegenheit, mit ſeinem Pfunde zu wuchern, ohne

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