Aufsatz 
Zur Methode des Unterrichts in der deutschen Sprache
Entstehung
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414 Deutſche Sprache.

Jede eigene Art von Schule muß eine ihr eigenthümliche Hau ptgrundlage haben. So wie das Gymnaſium als Vorſchule zur Univerſität die ſeinige an den antiken Sprachen und Littera⸗ turen hat, ſo hat auch die Realſchule eine geſucht. Sie wollte dieſelbe früher bald in der Mathematik, bald in der Naturwiſſenſchaft, bald in einer der modernen fremden Litteraturen gefunden haben. Man iſt, wie ſonſt ſchon ausgeſprochen war und wie die Verſammlung zu Mainz offenbar gezeigt hat, allmählig hievon zurückgekommen und ſieht die eigenthümliche Grundlage und das Centrum alles Unterrichtes der höheren Bürger⸗ oder Realſchule in der Mutterſprache und ihrer Litteratur, was auch in Bezug auf die Gymnaſien einzele Directoren verſucht haben, mitunter nicht ohne Erfolg. Der Aeußerung des Hrn. Inſpectors R. aus H., daß das Deutſche unter die wichtigſten Lehr⸗ gegenſtände gehöre, die Religion nicht ausgenommen, ſtimme ich von Herzen bei, nur der Zuſatz: denn Religion gehört zur deutſchen Sprache blieb mir dunkel. Meine Erwartung von der Beſpre⸗ chung dieſes Gegenſtandes in dieſer Verſammlung war um ſo größer, nachdem das Latein als weſent⸗ liches Bildungsmittel per maiora hinaus geſtimmt oder aufgegeben worden, und nachdem am Ende der dritten Sitzung ein Mitglied den von der Verſammlung gebilligten Antrag auf die Beſprechung des deutſchen Unterrichtes in der vierten und letzten Sitzung mit der gegründeten Bemerkung geſtellt hatte,es werde hierin noch am meiſten gepudelt, herumgetappt und experimentirt; nach gehöriger Vorbereitung auf dieſen Gegenſtand ſei zu hoffen, daß jeder anweſende Lehrer für ſeine Schule Etwas mitbringen werde. So ſehr in allen höheren Bildungsanſtalten beim Unterricht im Deutſchen noch herumgetappt wird, ſo kann man doch in denen, in welchen von Methoden die Rede iſt, hauptſächlich drei unterſcheiden: 1) die litterär⸗hiſtoriſche; 2) die grammatiſche (gewöhnlich nach Becker); 3) die gemiſchte, welche beide verbindet. Unter den zu Mainz ver⸗ ſammelten Realſchulmännern fanden die erſte und die letzte bei der hierüber eröffneten Verhandlung ihre Vertreter; erſtere an Hrn. L., die zweite an Hrn. R. Erſterer gab mit gefälligem Organe und muſterhaftem Deutſch ein allgemein anſprechendes Bild von ſeiner bisher befolgten hiſtoriſchen Methode. Der Pietät wegen verfahre er hiſtoriſch in der Art, daß Nichts vorkomme, wo⸗ von nicht gefragt werde, wer's gemacht. Man bedauerte allgemein, daß kein Schnellſchreiber dieſen Vortrag ganz zu verfolgen vermochte. Aber ich beſorge ſehr, daß, wenn dies auch geglückt wäre, irgend Jemand der Verſammlung, ohne die Bildung und Erfahrung des Hrn. L., dieſe Methode mit nach Hauſe nehmen und mit demſelben Erfolge hätte anwenden können. Ein genialer Lehrer treibt Alles leidlich gut, aber der nicht geniale ahmt bei Methoden des genialen gerade oft nur das Schwache, Unlöbliche nach; wie er ſich räuſpert und wie er ſpuckt, um mit dem Dichter zu reden, das hat er ihm leidlich abgeguckt. Daß z. B. Hr. L. das ſtrenge periodiſche Abfordern von Aufſätzen und das ſorgfältige Corrigiren derſelben verwarf, hierin würde er viele gelehrige Nachahmer finden! Eine eher nach Hauſe tragbare, d. h. eine allgemein anwendbarere und auch hie und da vielfach ſchon geübte Methode deutete Hr. R. an. Er will beim Unterricht keine einſeitige bloße Verſtandes⸗ Uebung, ſondern wenn auch nicht allein, doch vorzugsweiſe Bildung des Gemüthes. Der Knabe habe und brauche ſchon die deutſche Sprache; nur dreierlei ſei bei ihm noch mangelhaft: 1) er kennt nicht die Geſetze ſeiner Mutterſprache, es müſſe alſo das von ihm unwiſſend Gewußte zum geiſtigen Bewußtſein gebracht werden; 2) ſein natürlich erworbener Sprachſchatz ſei in vielen Stücken unrichtig, er bedarf daher vielfacher Berichtigungen; 3) der Knabe bedarf endlich eine Vervollſtändigung, da er den ganzen Sprachſchatz noch nicht kennt. Dieſe drei Mängel müßten nun die Methode jeder