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Streitigkeiten zwiſchen Humaniſten und Realiſten gleichſam als Geburtswehen vorausge⸗ gangen ſind.*) Unmöglich können auf die Dauer Gymnaſien und Realſchule in ſtreng paralleler Richtung neben einander beſtehen. Man hat bereits augenſcheinlich das Aufhören der(jetzigen) Gymnaſien nachgewieſen, ſobald den(jetzigen) Realſchulen die bisher jenen nur eigenen Vorrechte(Exemptions⸗Recht) ertheilt würden. Aber was eine officielle Verfügung nicht thut, eigentlich auch nicht thun kann,”*) das könnte die Realſchule durch ihre eigne Kraft erringen ¹°) und das muß ſie wol an den mei⸗ ſten Orten erringen, wenn ſie nicht rückwärts oder gar zu Grunde gehen will. Wär' es nicht jetzt ſchon möglich, daß eine ſ. g. Realſchule mit 4—6 Klaſſen ihren Unterricht fort⸗ ſetzte, wo die Elementar⸗Klaſſen der guten Volksſchule aufhören; daß ſie den Unterricht in der lat. Sprache auf den der Mutterſprache gründete, es darin ſo weit brächte, daß die reifſten Schüler ein ſ. g. Extemporale ohne grobe Verſtöße gegen Grammatik und Lati⸗ nität ſchreiben können(wer dies ordentlich verſteht, kann auch ſeine eigenen Gedanken lateiniſch niederſchreiben); daß ſie ferner den Unterricht in den beiden modernen Haupt⸗ Sprachen auf den im Lateiniſchen grammatiſch und hiſtoriſch baſirte; daß ſie neben einem
⁵) Es ging gerade ſo im theologiſchen Schisma. Am Anfang ſtanden ſich Proteſtanten und Katholiken entgegen. Das daraus entſtandene Tertium war der Rationalismus im weiteren Sinne dieſes Wortes, und die jetzigen Parteien ſind eigentlich nicht mehr die Confeſ⸗ ſionen, ſondern die Alt⸗ und Neuglaͤubigen in allen Confeſſionen, ſelbſt ſo im Judenthum. So werden vielleicht auch kuͤnftig, wie bereits ſchon, freilich noch vereinzelt, geſchieht, allgemein ſich wol nicht mehr Humaniſten und Realiſten entgegen ſtehen, ſondern einerſeits Schulmaͤnner, die die Jugend ganz an nationalen Lehrobjecten bilden(radicale Paͤdagogen), andrerſeits ſolche, welche ſich zwar auf nationaler Baſis dabei halten wollen, aber das Offenhalten des Blickes in die Weisheit der Tradition(im Sinne Herder's) fuͤr unerlaͤßlich nothwendig halten und daher das Fremde(Antike) ſubſidiariſch benutzen. Letztere, augenſcheinlich die verſtändigeren, werden immer noch Philologen ſein muͤſſen, aber Philologen, welche zwiſchen Philologie(Wiſſenſchaft) und Paͤda⸗ gogik(Kunſt) unterſcheiden, welche emſigen Bienen gleich ihre Nation mit dem Honig der Blumen Athens und Roms bereichern. Nach Rom und Athen zu wandern, ſich in ihren Ruinen zu ver⸗ irren und die Heimath und das Heimathliche zu vergeſſen, mag ein ſchoͤner Traum ſein, aber fuͤr den Erzieher deutſcher Jugend taugt er Nichts.
*) Ohne der Realſchule naͤmlich mehr zu ſchaden als zu nutzen. Moraliſche und geiſtige Digni⸗ taͤten koͤnnen Reſcripte beſtaͤtigen, aber nicht ertheilen. Herkules erhob ſich durch eigne Kraft in den Olymp. Eine Lehre fuͤr unſre Emancipationsredner aller Art.
¹0) Wenn ſie naͤmlich alles ſpeciell Techniſche von ſich ausſcheidet, dieſes den niederen und hoͤheren Gewerbſchulen überlaͤßt und ſich zu einer allgemein und human bildenden Anſtalt emporhebt. Dann hoͤrt ſie freilich auf, Realſchule zu ſein, oder vielmehr der Name Realſchule hoͤrt auf, fuͤr ſie bezeichnend zu ſein, wie er bereits jetzt fuͤr viele ſolche Anſtalten unpaſſend iſt; dann waͤre ſie eine geiſtige Uebungsſchule, und wie nennen wir die mit einem einzigen herkoͤmmlichen Namen?


