Aufsatz 
Das erweiterte Gymnasium zu Worms, mit Beziehung auf das Octoberheft der pädagogischen Revue : zugleich ein Blick auf die Zukunft des deutschen Schulwesens überhaupt / Wilhelm Wiegand
Entstehung
Einzelbild herunterladen

120

J.. Daß die Realſchulen die Anſtalten für Vielſeitigkeit und Nützlichkeit, dagegen die Gymnaſien die für Tüchtigkeit und Gründlichkeit ſeien, iſt unbezweifelbar factiſch eine ſehr allgemein verbreitete Meinung; daß dieſer(Laien⸗) Geſichtspunct aber von mir nicht gebilligt wird, daß er, um den Ausdruck des Hrn. Ref. gebrauchen, nicht der richtige iſt, glaubte ich in gedachter Rede ſelbſt ſowol wie in den Anmerkungen zu ver⸗ ſtehen gegeben zu haben. Sollte dies nicht deutlich genug geſchehen ſein, ſo muß ich mich hier zu einer Wiederholung ſolcher Erklärung um ſo mehr aufgefordert fühlen, als nach meinen pädagogiſchen Grundſätzen keine Art von Schulen, als ſolche, ſelbſt die Hochſchule nicht, ein Prärogativ auf Gründlichkeit hat, ſo wenig als irgend einer Religionsconfeſſion, als ſolcher, das Prärogativ des Seligmachens unbedingt zugeſtanden wird. Wie aber, um in demſelben Vergleiche fortzufahren, es in dieſer oder jener Religion nach der Ueberzeugung ihrer Bekenner gleichſam ein ſeiner Natur nach ſchon ſeligmachenderes oder (ceteris paribus) ein für dieſen Zweck von Zufälligkeiten unabhängigeres Poſitive und Aeußere giebt, ſo haben auch die Gymnaſien einen für Jugendbildung gleichſam conſo⸗ lidirten Geſchäftsgang, ſowie ein Material, das unter Umſtänden ſelbſt dann noch bildend iſt, wenn es auch von pädagogiſch ungeſchickten Händen überliefert wird, während bei an⸗ deren Lehrgegenſtänden das Bildende ganz oder meiſt durch die Art der Ueberlieferung bedingt wird. Die Gymnaſien haben, um es mit einem Worte zu ſagen, eine Hiſtorie, ein Vorzug, den ihnen ſelbſt ihre abſoluten Gegner zugeſtehen und ſie darum beneiden. Auf dieſen Vorzug dürfen aber die Gymnaſien um ſo weniger ſtolz oder übermüthig ſein, je leichter ſie ihn gewannen, namentlich dadurch, daß ſie ihr Publicum gleich von Anfang ausgewählt erhielten?) und im Lauf der Zeit Dank dem eingeſchlafenen National⸗

rung oder auf eine ſonſtigeofficielle Weiſe geaͤndert oder vertauſcht wird. Ich kann daher das urtheilsfaͤhige Publicum nicht beſſer achten und zugleich mein Verfahren nicht beſſer rechtfertigen, als wenn ich meines Orts Nichts unterlaſſe, daſſelbe mit gedachter Grundlage moͤglichſt bekannt zu machen. Dies iſt mitunter auch die Abſicht dieſes urſpruͤnglich fuͤr einen an⸗ dern Kreis(den der paͤdag. Revue) beſtimmten Aufſatzes und aus dieſem Geſichtspuncte wolle man das etwaige Gute wie das Mangelhafte desſelben, namentlich die Wiederholung des ſonwe ſchon mitunter Geſagten beurtheilen, reſp. entſchuldigen. ²) Die Gymnaſien, namentlich in kleineren Staͤdten, waren bekanntlich urſprünglich zugleich eine Art von Stadt⸗ oder Buͤrgerſchulen, natuͤrlich aber doch nur fuͤr die Soͤhne der ſchon beſſeren Buͤrger, waͤhrend die Kinder des(niedren) Volkes entweder gar keinen oder einen mechaniſchen und geiſtloſen unterricht erhielten. In letzter Zeit waren und ſind ſie nur Standesſchulen in der Regel nur fuͤr Reiche und Vornehme. Daß dieſes geſchah, daß namentlich im Laufe der Zeit mit dem Beſuche der Gymnaſien der Gedanke an gewiſſe Anſpruͤche auf Verwendung des Staates ſich knuͤpfte, mag die ſcien⸗ tifiſche Bildung vermehrt haben, aber die beſte Bildung, eine gediegene, durchgaͤngige Nationalbildung