Aufsatz 
Über Platos Republik X, S. 513, 10 Bekk. :
(Nachtrag zu meiner in der Zeitung für Altertumswissenschaft, Juni-Heft d.J., S. 576-598, beendigten Ährenlese.)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

wählt ein noch viel niedrigeres Loos, als das eines liſtigen und verſchlagenen Weibes, nämlich das eines Affen, des Thieres, das zwar eine dem Menſchen noch ähnliche äußere Form hat, aber pſychiſch weit unter den übrigen(edleren) Thieren ſteht, eben weil es alle Begierlichkeiten ohne die edleren beherrſchenden Seelenvermögen des Menſchen hat. Fragt man, warum Plato den Therſites gerade dieſe Wahl(zu ſeiner Selbſtbeſtrafung) thun läßt, ſo liegt wol die Antwort darauf ſehr nahe: theils weil die Affen⸗Natur der Seelen⸗Verfaſſung des Th. ſehr entſprechend iſt, denn die Menſchen, bei denen die Be⸗ gierlichkeit unbedingte Oberhand und die beiden übrigen edleren Vermögen ſich unterworfen hat, ſinken noch tiefer, als die edleren Thiere, wie Löwe, Schwan ꝛc.; theils weil Th. in dieſer Affengeſtalt ebenfalls ſeiner früheren Schmäh⸗ und Verhöhnungsſucht zu fröhnen glaubt, ohne dieſelben ſchlimmen Folgen davon zu ärndten, nämlich ohne bis zum Weinen durchgebläut oder todt geſchlagen zu werden. Erſteres widerfuhr ihm bekannt⸗ lich vom Ulyſſes, als ſeine böſe Zunge ſelbſt die edelſten Helden nicht ſchonte(ſ. die Iliade a. a. O.), letzteres vom Achilles, als er(Th.) der Amazone Pentheſilea, welcher Achilles zwar im Kampfe das Leben genommen, aber beim Anblick ihrer Schön⸗ heit nicht ſeine Theilnahme verſagte, höhnend die Augen ausſtach oder(nach einem ande⸗ ren Berichte) den Achilles des Mißbrauchs ihres Leichnams verläumderiſch beſchuldigte (vergl. Tzetz. ad Lycophr. v. 999). Daher vielleicht noch ein weiterer Grund, warum Th. nicht auch das Leben eines Weibes wählt. Der ganz gemeinen Seele iſt es der Gewohnheit zufolge nur um eine Menſchen ähnliche Form zu thun, wozu der niedrigen Klugheit die des Affen hinreichend ſcheint, zu der wir allerdings die ſonſt edle Menſchen⸗ form durch den Einfluß einer rohen oder böſen Seele depravirt ſehen. Uebrigens liegt nebſt der philoſophiſch⸗moraliſchen Abſicht in dieſer Affen⸗Metamorpboſe des homeriſchen Bajazzo und Meiſterſtückes aller gemeinen Poſſenreiſſerei eine eben ſo feine, wie beißende Satyre, die in den geſammten Schriftwerken des Alterthums ihr Gleiches ſuchen moͤchte. Ich kann daher ſchließlich dieſes Abſchnittes nicht die Vermuthung unterdrücken, daß Plato hier nebenbei*) abermals den Komikern überhaupt, vielleicht aber namentlich dem Ariſtophanes, einen argen Hieb verſetzte, indem dieſer ſich nicht minder ſchwer an ſeinem Lehrer, dem Chef der Philoſophen verſündigte, als Therſites an Agamemnon, dem Chef des griechiſchen Heeres. Den dritten, göttlichen Anblick(9 αιιέαόααόσ) gewähren uns endlich bei der neuen Lebenswahl diejenigen Seelen, welche in ihrem früheren Leben vorzüglich nach wahrer 2 7

*) und in dieſer Form nicht unwuͤrdig(vergl. Schleierm. Einleit. S. 57.), da Pl. nun ein Mal den alten Krieg zwiſchen Komik und(Moral⸗) Philoſophie fuͤr einen ewigen und ſeinen entſchiedenen Widerwillen gegen erſtere erklaͤrt und dieſen auch begruͤndet hat.

6