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2. Bei dem elementaren Studium der neueren Sprachen kann es sich nur darum handeln, die Schüler mit den einfachsten und wichtigsten Thatsachen der Lautphysiologie bekannt zu machen, d. h. es dürfen die Resultate der Phonetik nur soweit berücksichtigt werden, als sie zur korrekten und sichern Erzeugung fremder und schwieriger Laute und Lautverbindungen nötig sind.
3. Eine ausführliche systematische Darstellung der Phonetik ist aus dem Sprachunterricht fernzuhalten.
In Gieſsen hatte man sich ferner über folgende These geeinigt: „Bei der Auswahl der Lektüre(im französischen und englischen Unterricht) sind besonders die modernen Historiker zu berücksichtigen.“ In Hannover kam zur Annahme:
„Der französisch-englische Unterricht und die neuphilologische Wissenschaft haben sich künftighin — nach dem Muster des griechisch-lateinischen Unterrichts— mehr und mehr noch mit den realen Lebensäufserungen der modernen Völker zu beschäftigen.“
Diese These war aber nur der beschönigende Ausdruck für ein Wirrsal von Gedanken über den realistischen Stoff im französischen und englischen Unterricht und schliefslich nur das Feigenblatt für folgenden Gedankengang:
„Der französich-englische Unterricht und die neuphilologische Wissenschaft, bisher fast ausschliefs- lich auf die sprachliche Seite der modernen Kulturentwicklung gerichtet, haben sich künftighin— nach
dem Muster des griechisch lateinischen Unterrichts— mehr und mehr noch mit den realen Lebensäufserungen der modernen Völker zu beschäftigen.“
Auf dem Boden der bestehenden Einrichtungen läſst sich in Hinsicht auf die Realien im neusprach- lichen Unterricht und in der neuphilologischen Wissenschaft folgendes thun und ist dringend zu wünschen:
I. für den neusprachlichen Unterricht:
1. Geeignete Anschauungsmittel sind in den Klassen aufzuhängen bezw. in die Sammlungen der Schule aufzunehmen;
2. Sammlungen belehrender Jugendschriften, welche wichtige Kapitel des nationalen Völkerlebens behandeln, sind zu begründen und unter den Schülern zu verbreiten;
3. die Klassenlektüre ist mit Rücksicht auf möglichst reichen Inhalt an nationalen Realien auszuwählen und mit sorgfältigem Kommentar zu versehen;
4. für die Privatlektüre der Schüler sind geeignete französische und englische Jugendschriften unterhaltender Natur, besonders mit reichen IIlustrationen anzuschaffen;
5. zum Gebrauch für die Lehrer sind eine Reihe verlässiger Handbücher über die ver- schiedensten Gebiete des französischen und englischen Kulturlebens(einschliefslich der Kolonien!) abzufassen.“
Man bedenke nun, dafs sich unsere Schüler in entsprechender Weise vor allem auch mit der Kulturentwicklung, den realen Lebensäufserungen ihres eigenen Volkes beschäftigen müfsten, und wird gerne zugestehen, daſs Uberlastung der Jugend die nächste Folge der Verwirklichung obiger Vorschläge sein würde.
So vielfach zeigt sich grade bei dieser Reformbewegung das Bestreben, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ist mit dem Extemporale— wie überhaupt mit den schriftlichen Arbeiten— bisher viel Miſsbranch getrieben worden, so soll es nun ganz beseitigt werden. Sind die Schüler mit Einzelsätzen überfüttert worden, so soll nun jede UÜbung darin eine Verkehrtheit sein. Sind früher Regeln die Plage der Schüler gewesen, so wird jetzt jeder grammatische Leitfaden, jedes Paradigma, jede Konjugationstabelle mit Milstrauen angesehen. Die Grammatik soll eben nur induktiv gelehrt werden! Dazu braucht man eigentlich nur ein Lesebuch.— Die Aussprache wurde bis vor kurzem im Unterricht nicht ihrer Bedeutung entsprechend gewürdigt. Jetzt soll der ganze Sprachunterricht auf„lautlicher Grundlage“ sich aufbauen, und jedes sprachliche Lehr- und Lesebuch, das nicht auf der ersten Seite eine Kehlkopf- zeichnung, auf der zweiten aber ein Gedicht oder eine Fabel in phonetischer Umschrift aufweist, wird nicht als vollgiltig angesehen.


