Aufsatz 
Bemerkungen über einige pädagogische Zeitfragen
Entstehung
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Ich habe mich weiter oben im allgemeinen für die analytische Methode im Fremdsprachunterricht erklärt. Bezüglich einzelner Detailfragen glaube ich meinen Standpunkt noch näher kennzeichnen zu sollen..

Ich halte es nicht für unbedingt am zweckmäſsigsten, den Anfangsunterricht mit einem zusammenhängenden Stück zu beginnen. Ist dasselbe für den bestimmten Zweck zurecht gemacht, so verliert es sprachlich und inhaltlich, hat kaum mehr Wert als eine Anzahl Einzelsätze; bleibt es in der ursprünglichen Fassung, so häufen sich die Schwierigkeiten derart und des unverdaut Aufzunehmenden wird so viel, dals dem Anfänger die Freude an der Arbeit gründlich verdorben wird. Dabei ist der Planlosigkeit und Oberflächlichkeit im grammatischen Unterricht Thor und Thür ge- öffnet. Ist es nicht viel rationeller, ein bestimmtes Kapitel aus der Grammatik durch eine beschrünkte Anzahl Einzelsätze befriedigenden Inhalts zu veranschaulichen und daran leichte Erzählungen oder dergl. zu reihen, als hiermit zu beginnen? Müssen Einzelsätze notwendig inhaltslos sein, inhaltsloser als ein zusammenhängendes Stück? Perthes, der zunächst mit Einzelsätzen operiert, führt dem Sextaner z. B. in Lektion 10 folgenden Satz vor:

Amoenae sunt saepe ripae rivorum; albae populi cum fagis umbram consociant, murmurans aqua trepidat supra saxa, in ramis cantant lusciniae. Der Satz gefällt inhaltlich, und ist dem Schüler nach der formellen Seite hin leicht verständlich.

Rambeau beginnt seinen französischen Unterricht mit Lesestück 2 aus Lüdecking I. (Ofr. Frick und Meier, Lehrproben und Lehrgänge, 9. Heft, p. 93 ff.). Die zwei ersten Sätze heifsen:Un âne trouva par hasard une peau de lion, et s'en revéêtit. Ainsi déguisé, il s'en alla dans les foréts et répandit partout la terreur et la consternation. Wieviel zunächst formell gänzlich Unverständliches ist darin enthalten! Zur Durchnahme der aus sieben Einzelsätzen bestehenden Fabel braucht Rambeau mindestens 12 Unter- richtsstunden, im Gymnasium also 2 ½ 3 Wochen. Sollte da nicht schon nach der 2. oder 3. Stunde das Interesse an dem Inhalt sehr erblaſst, dafür aber das Interesse an den Vokabeln und Formen ganz in Anspruch genommen sein? Sollte sich schlieſslich bei diesem Verfahren selbst die praktischste Erzählung nicht inöde Einzelsätze auf- lösen? Ich bin weit davon entfernt, das Rambeau'sche Verfahren unbedingt zu ver- werfen, zolle dem vielen Guten, das es hat, vollen Beifall; aber dieses Gute kann sowohl an Einzelsätzen, wie auch an Erzählungen zur Erscheinung treten, an Einzel- sätzen, welche recht bald mit zusammenhängenden Lesestücken abwechseln. Kühn führt in seinem eben erschienenenFranzösischen Lesebuch durchpoésies enfantines den Quintaner in die Sprache ein. Ich will hier nicht die Frage entscheiden, ob Kleinkinderschul-Poesien, Wiegen-, Puppen- und Ammenlieder, Spielreime etc. der geeignete geistige Nährstoff sind für zehn- und elfjährige Knaben, für solche, die bereits ein Jahr in ernster Weise Latein getrieben haben. Nur das eine möchte ich sicher behaupten, daſs No. 23 z. B.La ville de Paris renversée an Inhaltslosigkeit keiner der Ploetz'schen Lektionen, über die grade Kühn nicht genug Schlimmes sagen kann, nachsteht. Aber das Prinzip ist gerettet: der französische Unterricht. beginnt mit zusammenhängenden Stücken.

Einen originellen und beachtenswerten Versuch, dem angehenden Lateiner einen grammatischen Ubungsstoff zu bieten,der seine lebhafte und dauernde Anteil- nahme erwecken soll, hat Dr. H. Meurer in dem kürzlich erschienenenPauli sextani liber gemacht. Doch will mir scheinen, als ob der historische Faden, der sich durch das Buch hinzieht, viel zu dünn sei, um dasdauernde Interesse des