Aufsatz 
Bemerkungen über einige pädagogische Zeitfragen
Entstehung
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zur Erkenntnis gebracht. Die Regeln werden fertig vorgelegt und zum Verständnis gebracht, nicht eigentlich entwickelt. Sätze, welche aus gewählten Vokabeln gebildet wurden, werden zur Einübung des Erkannten gegeben. Die Einzelsätze liefern reich- lichen Stoff zu mündlichen und schriftlichen Übungen. Einer späteren Stufe bleibt die Einführung in die eigentliche Lektüre vorbehalten.

Gegen diese Art und Weise richten sich nun die Bestrebungen der heutigen Reformer auf sprachlichem Gebiete. Sie wollen der Hauptsache nach Folgendes:

Jede grammatische Belehrung soll sich an ein sprachliches Gebilde, einen Satz, oder eigentlich ein zusammenhängendes Lesestück anschliefsen. Die Regel soll also nicht als Fertiges gegeben, sondern durch Veranschaulichung an Beispielen ent- wickelt werden. Sprachliche Erscheinungen sollen nicht vereinzelt, sondern in innerem Zusammenhang zur Veranschaulichung und Erkenntnis gebracht werden, so dafs also nach einander vollständige Abschnitte der Grammatik, immer aber im Anschlufs an die Lektüre bezw. an Einzelsätze, zur Darstellung gelangen. Das über einen bestimmten Abschnitt hinausreichende Unbekannte, wird wenn möglich beiläufig erklärt, oder vorläufig unerklärt gelassen. Das mündliche Verfahren überwiegt beim Unterricht bei weitem das schriftliche; insbesondere ist dem Extemporale die bis jetzt geübte dominirende Herrschaft nicht mehr zu gestatten. Das Einprägen der Vokabeln ge- schieht nur im Anschluſs an die Lektüre. Das fremde Idiom soll bei den mündlichen Ubungen von vornherein möglichst viel zur Geltung kommen, das Sprechenlernen also, die Konversation, angestrebt werden und das Denken in der fremden Sprache.

Das dürfte m. E. der von Schlacken gereinigte Grundgedanke der heutigen Reformbewegung auf dem sprachlichen Unterrichtsgebiete sein. Das synthetische Ver- fahren soll beseitigt werden, das analytische zur Geltung kommen. Daſs in jedem einzelnen Punkt des neuen Systems Anklänge an schon früher Versuchtes sich vor- finden, ist leicht erkennbar.

Ein neues Moment haben die Phonetiker in die Reformbewegung hineinge- bracht, indem sie forderten, daſs dem Unterricht in einer modernen Sprache eine möglichst vollständige, gründliche oder gar systematische Einführung in die Laut- lehre vorausgehe.

Ich stelle mich, abgesehen von dem was die Phonetiker strenger Observan⸗ als Dogma aufstellen, mit einigem Vorbehalt gerne auf Seite der Analytiker und bin insbesondere der Uberzeugung, dals ein in deren Sinne erteilter Anfangsunterricht, den verschiedenen Ansprüchen genügen, vor allem auch die nötige Geistesgymnastik bieten kann. Das synthetische Verfahren verwerfe ich aber nicht für alle Fälle, be- sonders nicht im vorgeschrittenen Unterricht, und ich verhehle mir ferner nicht, dals das Vorgehen vieler Vertreter jener Richtung die Kritik in hohem Maſse herausfordert, dafs vielfach Extravaganzen sich hier breit machen, die der Reformbewegung nicht, zu besonderem Nutzen gereichen.

In unserer Anstalt sind die Ploetz'schen Lehrbücher im Gebrauch. Uber Ploetz und seine Methode ist im Lauf der Zeit so viel Gutes wie Böses gesagt und bekannt gegeben worden, daſs ich gern darauf verzichte, für oder gegen ihn zu plaidiren. Nur eines sei gesagt: Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, er könnte nun gehen wenn es so einfach und so leicht wäre, sich inbetreff eines Ersatzes zu entschlieſsen. Aber welches Lehrbuch nehmen? Die Zahl der Lehrbücher der französischen Sprache ist nach und nach Legion geworden, und die Flut ist noch im Steigen begriffen. Auf keinem anderen Gebiete ist daswissenschaftliche Klein- gewerbe produktiver, die pädagogische Musterreiterei rühriger, als grade auf diesem.