7
gewinnen, dafs nur ein guter Lateiner auch ein gebildeter Mensch sei, wäührend uns auf der Universität doch recht viele tüchtige Lateiner vorkommen, die recht ungebildete Menschen sind, weil die Schule allein überhaupt keine allseitige, vollendete Bildung zu geben vermag. Bildung heilst nichts anderes als:„die harmonische Entwicklung aller Kräfte im Menschen, um ihm in seiner Lebensphäre Zufriedenheit, in seiner Wirksamkeit die höchste Leistungsfähigkeit zu verschaffen“. Das läfst sich auf sehr verschiedene Weise erreichen und ist sogar für die verschiedenen Lebenssphären nicht in der gleichen Weise zu erzielen.
Man vergilst, dals das Leben heutigen Tages ganz andere Bildungsmittel liefert, als im Beginn des Jahrhunderts. Denken Sie an die Centren des geistigen Lebens, die groſsen Städte; an die Gelegen- heiten zum Reisen, dem besten Bildungsmittel, das es gibt. Weitkenntnis, Umsicht, Verständnis für andere Lebenslage, wie Selbsterkenntnis können im Strome des Gewerbslebens leichter und vollständiger gewonnen werden als in der Studierstube.
Die klassischen Philologen sind längst darüber einig, daſs die alten Sprachen nur dann einen besonderen Werth als Unterrichtsmittel haben, wenn sie mit vollster Gründlichkeit betrieben werden und die eigentliche Grundlage des Unterrichts bilden. Während sie diesen Werth als Bildungsmittel ver- lieren und sehr wohl durch die neueren Sprachen und Mathematik ersetzt werden können, wenn sie, wie auf unseren Realschulen,*) nur nebenbei betrieben werden. Die Gymnasien sind unbedingt die beste Vorbereitungsschule für die Universitäten, dahin haben sich diese selbst in überwiegender Majorität aus- gesprochen und sie halte ich für die maſsgebende Autorität in dieser Frage. Anders steht die Sache in Bezug auf die Berufszweige, welche Universitätsstudien nicht beanspruchen, die also nicht noch einmal Gelegenheit haben, eine höhere Bildungsanstalt zur Ergänzung und Abrundung des Wissens durchzu- machen, sondern direkt ins Leben treten, um rein sachliche, meist technische Unterweisung zu empfangen. Ihro Vorbildung muls eine mehr abgeschlossene und mehr im Leben verwertbare sein, und zu diesem Zwecke müssen besondere Schulen(Realschulen) gegründet werden. Denn es ist in unserer Zeit viel wichtiger, in die groſsen Mittelschichten eine höhere, wohl abgerundete Bildung zu bringen, als die gelehrte Bildung noch mehr zu verbreiten.“
Im dritten Teil seiner Auslassungen bespricht sodann Prof. Conrad das Stipendienwesen als eine der Hauptursachen der UÜberhandnahme eines gebildeten Proletariats. Ich mufs darauf verzichten, auf die bezüglichen lichtvollen Auseinander- setzungen näher einzugehen und mich darauf beschränken, einige fundamentale Sätze hervorzuheben.
„Als den wichtigsten Punkt schen wir den pädagogischen an:
Die Stipendien erhalten einen geradezu demoralisierenden Charakter, wenn sie als Almosen aufgefalst und behandelt werden, wie das im grolsen Ganzen thatsächlich geschieht. Denn das wird stets der Fall sein, wenn die Erteilung derselben hauptsächlich von dem Grade der Bedürftigkeit abhängt, weil damit eine Prämie darauf gesetzt wird, die Armutsverhältnisse so grols als möglich und eventuell schlimmer, als sie wirklich sind, darzustellen.
Der Selbständigkeits- und Unabhängigkeitstrieb, ja das Ehrgefühl wird in den Kreisen metho- disch untergraben, wo es die verhängnilsvollste, tiefgreifendste Wirkung ausüben muls; und es ist nur dem gesunden Sinne unserer Bevölkerung zu verdanken, dals die Demoralisation, der Bettelsinn sich in unseren Beamtenstand nicht tiefer eingbürgert hat, als es faktisch der Fall ist.“
Die Stipendien begehrenden und benötigenden Studierenden kommen in der Regel aus den niederen Gesellschaftsklassen. Es ist indessen klar, dals diese eine weit gröſsere Begabung und festeren Charakter besitzen müssen, um sich als Richter, Prediger, Arzt, Lehrer in die Situation zu finden und auch allen gesellschaftlichen Ansprüchen zu ge- nügen, als derjenige, welchem der unendliche Segen zuteil wurde in gebildeten Kreisen aufzuwachsen und unbewulst und spielend zu erlernen, was jene sich nur mit besonderem Fleiſs und groſser Mühe allmählich in späterer Zeit erringen müssen. Die Bahn muſs allerdings für jeden frei sein, um aus der untersten Stufe die höchste zu erklimmen; aber den Bedenken kann man sich nicht verschliefsen, die darin liegen, wenn eine sehr groſse Anzahl der Studierenden aus der unteren Gesellschaftssphäre stammt. Das Stipendium werde darum nicht erbettelt, sondern verdient durch Nachweisung besonderer Begabung und Aufweisung besonderer Leistungen! Dann wird der junge
*) Soll wohl Realgymnasien heifsen, denn an Realschulen wird überhaupt kein Latein gelehrt.


