Aufsatz 
Bemerkungen über einige pädagogische Zeitfragen
Entstehung
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einen Beruf zu wählen. Ist denn nun dieser Grund so schwerwiegend, dafs man ihm zulieb einen ganzen gewaltigen Schulorganismus über den Haufen werfen müſste? Ich glaube nicht, bin dagegen der Ansicht, daſs die Hauptschwierigkeit, welche den Eltern, wenn es sich um die Wahl eines Berufs für ihre Söhne handelt, aus der Überfüllung erwächst, der sie in allen besseren Berufsarten begegnen. Sie fragen sich, wo ists noch nicht so übersetzt, und finden keine Antwort.

Dafs alle sorglichen Eltern aus ihren Söhnen etwas Tüchtiges, gar etwas Hervorragendes machen möchten, ist so natürlich wie möglich. Zwei Wege öffnen sich zu diesem Ziel: Die akademische Laufbahn und die praktischen Berufsarten. Da hat sich nun zunächst der Einzelne zu fragen: Besitzest du die Mittel, deinen Knaben eine höhere Schule besuchen zu lassen oder nicht? Entsprechend wird er die Volks- schule oder die höhere Schule wählen. Aber welche? Die für die akademische Laufbahn vorbereitet, oder die für die höheren praktischen Berufsarten tüchtig macht? Der Weg durch jene ist lang, kostspielig, anstrengend, der Weg durch diese wohl auch nicht mühelos, aber er ist kürzer und billiger. Welcher Weg entspricht nun deinen bezw. deines Sohnes Verhältnissen, o Vater? Ist Geld vorhanden, letzteren bis ins 25. oder gar 30. Lebensjahr zu unterstützen; ist ausreichender geistiger Fond zur Verfügung, um die Hindernisse der akademischen Laufbahn ohne künstliche Mittel zu nehmen; ist die körperliche Kraft hinreichend, um den Anstrengungen der geistigen Arbeiten gewachsen zu sein? Ich glaube, daſs in den meisten Fällen, in 95 unter 100, die Eltern imstande sind, bis zum 9. oder 10. Lebensjahre ihrer Söhne auf diese Fragen ganz bestimmte Antworten zu geben. Diejenigen, welche bis dahin noch nicht wissen, ob sie ihre Söhne dem praktischen oder den anderen Berufsarten widmen sollen, werden auch nach 2 und 3 Jahren nicht klar darüber sein. Entpuppt. sich aber ein Genie erst in späteren Jahren, so wird es auch kräftig genug sein, Schranken, welche es von dem ihm mehr passenden Weg trennen, zu überspringen. Wozu also die Einheitsschule? Ich glaube nicht, dafs sie Aussicht auf Annahme hat gegenüber der Zweiteilung der Schulen, wie sie die wohlverstandenen Interessen der sozialen Verhältnisse gebieterisch verlangen und auch der Hauptsache nach zur Geltung gebracht haben: Also I. Gymnasien, II. Realschulen(Anstalten ohne Latein mit sechs- bis siebenjährigem event. neunjährigem Kursus).

Daſs das Gymnasium eine Anstalt sei, die den Forderungen des modernen Lebens gebührend Rechnung trägt, ist selbstverständlich; eine Zweiteilung desselben aber in Real- und humanistisches Gymnasium, wie sie jetzt besteht, scheint mir für die Dauer unhaltbar. In diesem Punkte stimme ich vollständig den Ansichten Horne- manns und Steinmeyers bei.

Dabei halte ich an dem Grundsatz fest, daſs das Gymnasium für die gelehrte Laufbahn, die Realschule für die bürgerlichen, die gewerblichen, kaufmännischen etc. Berufsarten die beste Vorbereitungsanstalt ist und weise weit weg den Gedanken, dafſs das Gymnasium für alle, vom besseren Gewerbetreibenden bis zum höchsten Staatsbeamten, der beste Durchgangspunkt sei. Dementsprechend dürfte wohl zu fragen sein, ob nicht die Zahl der für die akademische Laufbahn vorbe- reitenden Anstalten zu mindern, dagegen die Zahl der für die besseren bürgerlichen Berufsarten ausschliefslich vorbereitenden höheren Schulen zu vermehren sei. Die ersteren könnten dabei nur gewinnen.

Ich habe oben von Berufswahl gesprochen und komme darauf zurück. Ver- anlassung dazu geben mir drei von dem bekannten National-Okonomen Professor Dr. Conrad aus Halle in derAllgemeinen Zeitung(No. 2, 3 u. 4 d. J.) veröffentlichte