Aufsatz 
Bemerkungen über einige pädagogische Zeitfragen
Entstehung
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Licht unter den Scheffel zu stellen. Welchen Reiz hat es doch, mittels einer Broschüre oder in einer Versammlung einen ganz neuen und alleinseligmachenden Reform- gedanken unter die Menge zu schleudern!

Die neuen Lehrpläne sind kaum fünf Jahre alt, und schon hat man von ver- schiedenen Seiten versucht, in den durch dieselben geschaffenen Schulorganismus Bresche zu schiefsen, und der unbedeutendste Kraftversuch ist jedenfalls nicht der gewesen, der Oberrealschule ohne viel Federlesens und mit einem Federstrich die vornehmste ihrer wenigen Berechtigungen zu nehmen.

Das neueste, oder doch grade jetzt besonders gehätschelte pädagogische Kolumbusei ist dieEinheitsschule, eine Anstalt, welche vieles, wenn nicht alles, und somit jedem etwas verspricht, ein Universalmittel, bei dem jeder Organismus ge- sunden und gedeihen kann.

Schade nur, daſs man bezüglich der Organisation der Einheitsschule nicht ganz einig ist, oder wenigstens nicht einig ist bezüglich der Reihenfolge der sprach- lichen Disziplinen, die doch vorzugsweise den Charakter des Ganzen zu bestimmen berufen sind. Die einen schlagen vor: Zuerst Lateinisch, dann Französisch und darnach Griechisch oder Englisch; die anderen: Französisch, Lateinisch, und hierauf Griechisch oder Englisch; und wieder andere: Englisch, Französisch, Lateinisch und Griechisch.

Mit der Realisirung eines dieser verschiedenen Pläne wird es wohl noch gute Weile haben. Es stellen sich der Durchführung doch groſse Schwierigkeiten in den Weg. Ein solches Kolumbusei läſst sich nicht so leicht auf die Spitze stellen. Der Hinweis auf kleinere Länder, wie Schweden und Norwegen, wo ähnlich organisierte Schuleinrichtungen bestehen und blühen, dürfte kaum irgend wie zu einem Reform- versuch im groſsen Stil in Deutschland ermuntern. Diese kleinen Staaten können sich schon eher den Luxus eines Experiments auf dem bezüglichen Gebiete erlauben; das geistige Leben der Menschheit wird davon wenig berührt werden. Anders ist es mit Deutschland, das nicht blofs wegen seines Umfanges und seiner Einwohner- zahl, sondern auch vor allen Dingen durch die Eigenart seines Geisteslebens, die Höhe seiner Kultur, die Macht seiner Wissenschaft einen maſsgebenden Einflufs auf die allgemeine geistige Bewegung auszuüben berufen ist. Die einem Staate wie Deutschland zufallende Verantwortung ist darum um so gröſser, und ein solcher hat reiflich die Frage zu erwägen: Wird durch eine solche gänzliche Umgestaltung der wissenschaftlichen Erziehung unserer Jugend, wie sie von verschiedenen Seiten vor- geschlagen wird, nicht das allgemeine Bildungsniveau sich verringern und das deutsche Volk nicht die Führerschaft, die es auf so vielen Gebieten des geistigen Lebens be- sizt, verlieren?

Für sehr bedenklich mülste man den Vorschlag der neuesten Richtung der Einheitsschulmänner halten, welcher Latein für die Schüler aller höheren Lehranstalten, auch für solche, welche akademischen Studien sich nicht zu widmen gedenken, welche den bürgerlichen Berufsarten zustreben, vorschreibt, wenn er nicht gar zu geringe Aussichten auf Verwirklichung hätte.

Und sie bewegt sich doch, und zwar vorwärts, nicht rückwärts. Schon einmal hat man das Räderwerk der Realschule, bezw. höheren Bürgerschule zurück- gedreht und Latein in ihren Lehrplan aufgenommen. Die Folge davon ist die Ent- wicklung des jetzigen Realgymnasiums und damit eines groſsen Teils der gegenwärtigen Unzuträglichkeiten auf dem Gebiete des höheren Schulwesens gewesen. Man ist nun in leitenden Kreisen auf die ursprünglicheIdee der Realschule wieder zurückge- kommen; ein zweitesmal wird man sich nicht davon abbringen lassen. Grade