Aufsatz 
Bemerkungen über einige pädagogische Zeitfragen
Entstehung
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I. Bemerkungen über einige pädagogische Zeitfragen. Von G. Wiegand.

Auf dem äufseren Gebiete der höheren Schulen hat auch im letzten Jahre reges Leben geherrscht. Nachdem Fragen, welche lange und kräftig die Gemüter in Erregung gehalten haben, ausgeklungen sind oder doch den Reiz der Neuheit einge- büfst haben und darum nicht mehr den Mittelpunkt der allgemeinen Diskussion bilden, nur noch in vereinzelten Echo zu vernehmen sind die Uberbürdungsfrage, die Vorschulfrage, die Frage körperlicher Erziehung durch die Schule etc., drängen sich andere mit Ungestüm in den Vordergrund.

Es muls rühmlich anerkannt werden, daſs Bestrebungen, welche die bestmög- liche Gestaltung, die innere sowohl wie die auſsere, der höheren Schulen zum Zwecke haben, stets ihre rührigen Vertreter finden. Doch kann auch nicht geleugnet werden, dals die fieberhafte Hast, das agitatorische Vorgehen, das gar zu selbstbewufste Auf- treten mancher, die da- mitschreiben und-reden in diesen Dingen, sich wenig. verträgt mit der Ruhe und UÜberlegung, dem Erust und der Schonung, mit welchem die innere Schularbeit sich vollziehen muſs. Es fällt mir hierbei das schöne Wort ein, welches F. Hornemann am Schluſs seiner beachtenswerthen AbhandlungDie einheitliche höhere Schule, Pädag. Archiv XXVIII, No. 8, p. 538 ff., sagt, und das ich hier zu weiterer Würdigung wiederhole:Auch hoffe ich(Hornemann), daſs der Leser als den Grundton des Ganzen(jener Abhandlung) eine konservative Gesinnung empfinden wird, welche, ohne borniert am Alten zu hängen, doch das Gute beizube- halten und in organische Verbindung mit dem Neuen zu bringen bestrebt ist. Und wenn ich mit einem Wunsche schliefsen darf, so ist es der, daſs dieser konservative Sinn sich immer weiter verbreiten möge unter den Fachgenossen wie unter den Freunden unseres Schulwesens. Dann wird eine Verständigung über alles Einzelne leicht sein, und auch die praktischen Erfolge werden nicht fehlen.

Nachdem durch die Lehrpläne vom 31. März 1882 und die damit in Ver- bindung stehenden sonstigen Bestimmungen und Ordnungen die Gliederung der höheren Schule Preufsens eine Anderung und dem allgemeinen Urteil nach eine Verbesserung erfahren hatte, war wohl die Annahme berechtigt, dals nunmehr Fragen bezüglich der Organisation jener Anstalten für eine längere Reihe von Jahren ganz von der Bildfläche verschwinden würden. Oder ist es unbillig zu fordern, daſs man die Wirkungen jener Neuorganisation erst abwarte, dann ein abschlieſsendes Urteil sich bilde und eventuell weitere Verbesserungsvorschläge mache?

Diie daazu nötige Geduld ist aber nicht in allen interessirten Kreisen vorhanden gewesen. Der Glorienschein eines Reformators ist ein zu verführerischer, als daſs man sich allseits leicht entschlieſfsen könnte, ohne Sang und Klang sein grofses oder kleines

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