Aufsatz 
Über die Entwicklung des chemischen Unterrichts / Eduard Wickel
Entstehung
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werden wollten. Für diese allein richtete Liebig einen eigenen Unterricht ein, indem er ihnen durch geübte Assistenten die erforderliche Anleitung beim Analysieren zu teil werden liess. Der Ierstellung chemischer Präparate wurde in dem Giessener Laboratorium besondere Auf- merksamkeit geschenkt. Liebig äussert sich über den Wert derartiger Arbeiten wie folgt: Die Darstellung eines Präparates ist eine Kunst und dabei eine qualitative Analyse, und es giebt gar keinen anderen Weg, um sich mit den mannigfaltigen chemischen Eigenschaften eines Körpers bekannt zu machen, als wenn man denselben aus dem Rohmaterial zuerst darstellen und dann in seine zahlreichen Verbindungen überführen muss und diese damit erkennt. Durch die gewöhnliche Analyse erfährt man nicht, welch' ein wichtiges Scheidungsmittel in ihrer ge- schickten Handhabung die Krystallisation ist, ebenso wenig den Wert der Bekanntschaft mit den Eigentümlichkeiten verschiedenartiger Lösungsmittel.*) In welcher Weise Liebig die Fortgeschritteneren zu fördern suchte, ist auch am leichtesten aus seinen eigenen Worten er- sichtlich:Meine speziellen Schüler lernten nur im Verhältnis, als sie mitbrachten, ich gab die Aufgaben und überwachte die Ausführung; wie die Radien eines Kreises batten alle ihren ge- meinschaftlichen Mittelpunkt. Eine eigentliche Anleitung gab es nicht; ich empfing von jedem Einzelnen jeden Morgen einen Bericht über das, was er am vorhergehenden Tage gethan hatte, sowie seine Ansichten über das, was er vor hatte; ich stimmte bei oder machte meine Ein- wendungen, jeder war genötigt, seinen eigenen Weg selbst zu suchen. In dem Zusammenleben und steten Verkehr mit einander, und indem jeder teilnahm an den Arbeiten aller, lernte jeder von dem anderen. Im Winter gab ich wöchentlich zweimal eine Art von Übersicht über die wichtigsten Fragen des Tages. Es war zum grossen Teil ein Bericht über meine und ihre eigenen Arbeiten in Verbindung gebracht mit den Untersuchungen anderer Chemiker.**)

Die Gründung des Laboratoriums in Giessen war Liebig nicht leicht geworden, und schon daraus, dass er sie trotz aller Widerwärtigkeiten und Arbeiten, die ihm dieselbe veranlasste, durchsetzte, ist zu entnehmen, dass er von der i'berzeugung durchdrungen war, dass die prak- tische Ausbildung der Studierenden der Chemie unumgänglich nötig sei. Dass dabei auch die Theorieen der Chemie in Giessen nicht vernachlässigt wurden, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden. Aus einer Anzeige Liebigs geht hervor, dass er von seinen Schülern zunächst den Besuch der Vorlesungen als Einführung in die Wissenschaft verlangte und sie erst dann in seinem Laboratorium als Praktikanten zuliess(vergl. Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichts an der Universität Giessen von Direktor Weihrich im Programm des Realgymnasiums zu Giessen, 1891, pag. 1).

In der Schule Liebigs hatte sich rasch eine bestimmte Reihenfolge des zu erlernenden Stoffes ausgebildet. Nachdem die Studierenden eine gewisse Sicherheit in der qualitativen und quantitativen Analyse erlangt und wichtigere Präparate dargestellt hatten, wurde ihnen Ge- legenheit gegeben, selbständige Untersuchungen anzustellen. Mit welchem Erfolg es Liebig gelungen war, tüchtige Chemiker heranzubilden, das beweist jene Fülle von epochemachenden Arbeiten, die aus seinem Laboratorium hervorgegangen sind, sowie der Umstand, dass viele seiner Schüler Zierden der Lehrstühle für Chemie in beinahe allen europäischen Ländern ge- worden sind. Das ungewöhnliche pädagogische Geschick, welches Liebig in seinen bescheidenen Räumen an den Tag legte, gibt Kolbe zu folgenden Worten Veranlassung:Liebig war nicht

*)Justus v. Liebig. Eigenhändige biographische Aufzeichnungen. Mitgeteilt von Dr. Georg Freiherrn v. Liebig. **) Ebendaselbst.