Aufsatz 
Über die Entwicklung des chemischen Unterrichts / Eduard Wickel
Entstehung
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Lehrer im gewöhnlichen Sinne; im ausserordentlichen Masse wissenschaftlich produktiv und und reich an chemischen Gedanken, teilte er diese seinen reiferen Schülern mit, veranlasste sie, seine Ideen experimentell zu prüfen, und regte so allmählich zu eigenen Gedanken an, zeigte ihnen den Weg und lehrte die Methoden, wie chemische Fragen und Probleme an der Hand des Experimentes zu lösen sind.*)

Mit dem Namen Liebigs ist der Friedrich Wöhlers untrennbar verknüpft. Das treue Freundschaftsverhältnis, welches die beiden Gelehrten bis in's Grab verband, blieb stets unge- trübt, da beide das gleiche Ziel, Erkenntnis chemischer Wahrheiten und die Verbreitung der- selben verfolgten. Wie Liebig, so sah auch Wöhler in der praktischen Ausbildung der Studierenden ein unschätzbares Mittel zur Erlangung chemischer Kenntnisse, und nicht lange nach seinem Freunde sehen wir auch ihn an der Spitze einer Arbeitsstätte, wo er als Lehrer unermüdlich bis vor wenig Jahren thätig war. Schon in den dreissiger Jahren wurde er als Professor für Chemie nach Göttingen berufen, woselbst er das Laboratorium nach dem Vorbilde der Arbeitsstätte seines Giessener Freundes so umgestaltete, dass es seiner Bestimmung, dem Unter- richtszwecke zu dienen, gerecht werden konnte. Im Jahre 1860 wurde das Göttinger Labo- ratorium umgebaut und neuerdings wieder wesentlich erweitert. War die Wirksamkeit Wöhlers als Lehrer an den städtischen Gewerbeschulen zu Berlin und Cassel schon eine segensreiche, so erreichte sie ihren Höhepunkt in seiner Eigenschaft als Professor an der Georgia Augusta. Wie sehr sich der Gelehrte für die Ausbildung der Anfänger interessierte, beweist wohl die Thatsache, dass er noch im hohen Alter, in einer Zeit, in welcher er dem chemischen Labo- ratorium gar nicht mehr vorstand, fast täglich in den Arbeitsräumen erschien, die Studierenden über die vorliegende Arbeit befragte und sie durch kurze Andeutungen auf den richtigen Weg in der betreffenden Analyse zu führen suchte. Wie sein Giessener Freund, so hielt auch Wöhler auf eine gründliche Ausbildung in den Elementen der Chemie, da er überzeugt war, dass nur die völlige Sicherheit in den Grundbegriffen selbständigen Untersuchungen ein erfolg- reiches Resultat sichere. Die Bedeutung der Schule Wöhlers, welche im wesentlichen den- selben Unterrichtsplan wie die Giessener Schule verfolgte, ergibt sich aus dem Namen der Männer, die aus ihr hervorgegangen sind. Unter den vielen seien nur folgende genannt: Kolbe, Henneberg, Knop, Städeler, Fittig, Beilstein und Hübner. Der Glückwunsch, den die Freunde, Schüler und Fachgenossen dem Gelehrten gelegentlich seines achtzigsten Geburtstages brachten, kennzeichnet ihn so scharf, dass er hier wieder gegeben sein möge. Es heisst darin:Wir be- wundern in ihm den Forscher, wir verehren in ihm den Lehrer; aber es giebt noch einen Ruhm, der selbst über den Ruhm der wissenschaftlichen That und der segensreichen Lehr- thätigkeit hinausreicht: es ist dies der Ruhm des hochherzigen Mannes. Auch mit diesem Ruhmeskranze ist seine Schläfe umwunden. Die gewonnene Ansicht ohne Rückhalt und ohne Scheu vertretend, aber gleichwohl lieber selber Unbill erduldend als andern Wunden schlagend, fremdes Verdienst stets über das eigene stellend und fremden Erfolges, wie des eigenen, sich freuend, Schülern und Freunden mit offener Hand aus dem reichen Schatze seiner Erfahrung spendend, hat er durch sein Leben das Ideal des erobernden Forschers, des weithin wirkenden Lehrers und des edelsinnigen Mannes verkörpert.

Ende der dreissiger Jahre gab es somit in Deutschland nur zwei Orte, die den Studierenden der Chemie eine allseitige gründliche Ausbildung in ihrem Fach möglich machten, Giessen und

*) Journal für praktische Chemie(2) 8, 842.