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Leopold Gmelin, einer der ersten Chemiker seiner Zeit, lehrte, vermochte den Wissensdrang des angehenden Gelehrten nicht zu befriedigen. So blieb auch Wöhler nichts anderes übrig, als sein Heil im Ausland zu suchen. In seinen ersten Dozentenjahren hatte Berzelius lediglich theoretische Vorlesungen gehalten; er hatte sich aber der neueren Richtung zuge- wandt und verstand es vortrefflich, seine Vorträge durch entsprechende Experimente zu beleben. In seinen bescheidenen Arbeitsräumen fand Wöhler, was er gesucht hatte. Berzelius hatte in seinem kleinen Laboratorium Schüler von nah und fern, hauptsächlich Deutsche, die schon theoretisch gebildet waren, um sich versammelt und förderte sie durch gemeinschaftliche prak- tische Untersuchungen. Zahlreiche Arbeiten führte Berzelius mit seinen Schülern aus, und für diese war der tägliche persönliche Verkehr mit dem Gelehrten von grösstem Vorteil. Ausser Wöhler sind aus der Arbeitsstätte des schwedischen Professors noch eine ganze Reihe tüchtiger Chemiker hervorgegangen, so Heinrich und Gustav Rose, Mitscherlich, Magnus, Mosander u. a., eine Thatsache, die zur Genüge beweist, dass Berzelius' Lehrthätigkeit von grossem Erfolg ge- krönt war.
Als Liebig nach Deutschland zurückgekehrt war, fand er, dass durch die Thätigkeit der Schüler des Berzelius sich auch hier manches zum Besseren geändert hatte. Besonders waren es H. Rose und Wöhler, welche die Erfahrungen ihres Lehrers in die Heimat überbracht, durch eigene Beobachtungen erweitert hatten und die Methoden lehrten, die zur Auffindung der Bestandteile eines zusammengesetzten Körpers dienen. Noch aber fehlte es an besonderen Unter- richtslaboratorien, und diesen Ubelstand suchte Liebig möglichst rasch zu beseitigen. Ihm hatte sich das Laboratorium Gay-Lussacs durch die Empfehlung Alex. v. Humboldts geöffnet. Die Wohlthaten, die ihm in der Arbeitsstätte des französischen Forschers durch einen glücklichen Zufall zu teil geworden waren, wollte er in der Heimat jedem, der sich dem Studium der Chemie widmete, erweisen. Als Professor der Chemie in Giessen gründete er dort die erste Stätte, welche allein der Ausbildung der Studierenden gewidmet war, indem diese hier mit den chemischen Operationen der Analyse und der Handhabung der Apparate vertraut gemacht werden sollten. Dass mit der Gründung eines Unterrichtslaboratoriums Liebig der Forderung eines Bedürfnisses entsprach, beweist die Thatsache, dass von allen Seiten wissbegierige Schüler zuströmten, sodass der geschaffene Arbeitsraum nicht genügte und eine baldige Erweiterung nötig wurde. Auch die Fachkollegen setzten grosses Vertrauen in die Giessener Schule, was schon der Umstand beweist, dass Gay-Lussac, Liebigs Lehrer, seinen Sohn zum Studium der Chemie dorthin schickte. Mit der Gründung des Giessener Laboratoriums beginnt für die Entwicklung des chemischen Unterrichts in Deutschland ein neues Zeitalter, welches den gänz- lichen Zerfall der bisher herrschenden naturphilosophischen Richtung nach sich zog. Über die Bedeutung der Erstehung der ersten Stätte in Deutschland, welche ausschliesslich unterricht- lichen Zwecken dient, äussert sich Pettenkofer*) folgendermassen:„Die Gründung des chemischen Laboratoriums in Giessen für Zwecke des öffentlichen praktischen Unterrichts muss eine epoche- machende, neue Thatsache genannt werden. Liebig hat dadurch die Chemie vom Katheder auf kürzestem Wege in andere Wissenschaften und in's praktische Leben hinübergeführt.“ In dem Giessener Laboratorium entfaltete sich bald eine mannigfaltige Thätigkeit. Während Berzelius in seiner Arbeitsstätte nur Fortgeschritteneren Gelegenbeit gab, sich weiter zu bilden, fanden sich bei Liebig auch zahlreiche Schüler ein, die erst in das Studium der Chemie eingeführt
*) In seiner Rede„Zum Gedächtniss des Dr. Justus Freiherrn v. Liebig.“


