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behandelt, wenn nicht gar falsch vorgetragen. Ein Blick auf den Studiengang Liebigs gibt in mancher Hinsicht Aufschluss über den damaligen Stand der Chemie auf unseren Hochschulen. Zu seiner Zeit galt Professor Kastner zu Bonn als hervorragender Vertreter der chemischen Wissenschaft. Diesem folgte Liebig nach Erlangen, da ihm Kastner versprochen hatte, einige Mineralien mit ihm zu analysieren. Allein Kastner gab seinem Schüler nie die gewünschte An- leitung, weil er selbst nichts von der Analyse verstand. Man kann sich denken, wie an an- deren deutschen Universitäten die Chemie vorgetragen wurde, deren Lehrstühle mit weniger bedeutenden Männern wie Kastner besetzt waren. Noch schlimmer stand es mit den Labora- torien.„Was man so nannte,“ sagt Liebig,*)„waren cher Küchen, angefüllt mit allerlei Öfen und Geraten zur Ausführung metallurgischer oder pharmazoutischer Prozesse. Niemand ver- stand die Analyse zu lehren.“
Die deutschen Chemiker waren also zu Anfang unseres Jahrhunderts zu ihrer Ausbildung noch auf das Ausland angewiesen. Liebig suchte zu diesem Zweck Frankreich auf. In Paris hörte er die Vorträge von Gay-Lussac, Thénard, Dulong u. a. und wurde durch diese Forscher mit der mathematischen Methode in der Chemie vertraut gemacht, welche womöglich jede Aufgabe in Form einer Gleichung darstellt und bei jeder gleichförmigen Aufeinanderfolge zweier Erscheinungen einen ganz bestimmten causalen Zusammenhang annimmt. Die genannten französischen Forscher verstanden ihre Vorträge durch geeignete Experimente zu erläutern, besonders hatten Thénard und Gay-Lussac ein grosses Geschick im Ausführen von Versuchen. Liebig erkennt die Leistungen seiner Lehrer mit folgenden Worten an:„Die Vorlesung be- stand in einer verständig geordneten Aufeinanderfolge von Phänomenen, d. h. von Versuchen, deren Zusammenhang durch die mündliche Erklärung ergänzt wurde. Für mich waren die Versuche ein wahrer Genuss, denn sie redeten zu mir in einer Sprache, die ich verstand, und sie bewirkten mit dem Vortrage, dass die Masse von formlosen Thatsachen, die ungeordnet und regellos in meinem Kopfe durcheinanderlagen, einen bestimmten Zusammenhang bekamen. Ich erkannte, oder richtiger vielleicht, es dämmerte in mir das Bewusstsein, dass nicht allein zwischen zweien oder dreien, sondern zwischen allen chemischen Erscheinungen in dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich ein gesetzlicher Zusammenhang bestehe; dass keine allein stand, sondern immer verkettet mit einer anderen, diese wieder mit einer anderen u. s. f. alle mit einander verbunden, und dass das Entstehen und Vergehen der Dinge eine Wellenbewegung in einem Kreislauf sei. Was in den französichen Vorträgen am meisten auf mich wirkte, war die innere Wahrheit derselben und die sorgfältige Vermeidung alles Scheins in den Erklärungen; es war der vollständige Gegensatz der deutschen Vorträge, in welchen durch das UÜberwiegen des deduktiven Verfahrens die ganze wissenschaftliche Lehre ihre feste Zimmerung verloren hatte.“*)
Während sich in Frankreich eine sichere Methode in dem chemischen Unterricht ent- wickelt hatte, die neben der Einführung in die Wissenschaft durch Experimentalvorlesungen eine praktische Ausbildung der Schüler im Laboratorium anstrebte und aus allen Ländern Wissbegierige anzog, hatte sich in Stockholm eine Schule von nicht geringerer Zugkraft ge- bildet, deren Secle Berzelius war. Der Studiengang des langjährigen Göttinger Professors Friedrich Wöhler führt uns zu diesem nordischen Gestirn. Auch Wöhler hatte erfahren müssen, dass die Heimat nicht die Möglichkeit bot, sich gründliche Kenntnisse anzueignen. Die Uni- versität Marburg, die er zuerst bezog, hatte noch kein Laboratorium, und auch Heidelberg, wo
*) Justus von Liebig„Eigenhändige biographische Aufzeichnungen“.


