Aufsatz 
Über die Entwicklung des chemischen Unterrichts / Eduard Wickel
Entstehung
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auch praktisch ausbildete und ihnen das Studium dadurch sehr erleichterte, dass er ihnen sein übersichtliches LehrbuchTraité de Chimie élémentaire in die Hand gab.

Frankreich bot also schon Ende des vorigen Jahrhunderts Gelegenheit, sich eine theore- tische und praktische Ausbildung in der Chemie zu verschaffen, und dass man in demselben Lande schon viel früher den Wert von Experimentalvorlesungen anerkannte, finde hier durch einen Beleg Erwähnung. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts erfreute sich eines ganz be- sonderen Rufes als Lehrer der Chemie Wilhelm Franz Rouelle, aus dessen Schule ausser Lavoisier und Proust eine ganze Reihe von Chemikern hervorgegangen ist. Uns interessieren nur die Mitteilungen über das Leben dieses Mannes, welche auf dic damalige Art des Unterrichts Bezug haben. Aus denselben ergibt sich, dass zu seiner Zeit die Vorlesungen über Chemie von zwei Dozenten gehalten wurden, einem Theoretiker, der über das Wesen chemischer Prozesse die Vorlesung eröffnete, und einem Praktiker, der die Versuche ausführte und erläuterte. Rouelle hatte den letzten Teil übernommen und verstand es, das Interesse der Zuhörer für seine Aus- führungen zu gewinnen durch eine Lebhaftigkeit, die sich häufig so sehr steigerte, dass er die Perrücke und auch einzelne Kleidungsstücke ablegte.

Noch im Anfang unseres Jahrhunderts kannte man in Deutschland derartige Experimen- talvorlesungen gar nicht. War doch die Naturwissenschaft ganz in den Händen der Philo- sophen, deren rein spekulative Forschungen die nüchterne Beobachtung des Experiments nicht aufkommen liessen. War es doch Männern wie Liebig und Wöhler, denen die philosophischen Auseinandersetzungen der deutschen Professoren keine Befriedigung gewährten, genötigt, im Ausland die Anleitung zum Studium zu suchen, ohne welche ihnen eine erfolgreiche Vertiefung in die Wissenschaft unmöglich gewesen wäre. Von Interesse ist in dieser Beziehung ein Ge- ständnis Liebigs, welcher auf der Universität Erlangen zwei Jahre lang den Ausführungen Schellings folgte. Er sagt:*)Ich selbst brachte einen Teil meiner Studienzeit auf einer Uni- versität zu, wo der grösste Philosoph und Metaphysiker des Jahrhunderts die studierende Jugend zur Bewunderung und Nachahmung hinriss. Wer konnte sich damals vor Ansteckung sichern? Auch ich habe diese, an Worten und Ideen so reiche, an wahrem Wissen und gediegenen Studien so arme Periode durchlebt; sie hat mich um zwei kostbare Jahre meines Lebens ge- bracht; ich kann den Schreck und das Entsetzen nicht schildern, als ich aus diesem Taumel zum Bewusstsein erwachte. Wie viele der Begabtesten und Talentvollsten sah ich in diesem Schwindel untergehen, wie viele Klagen über ein völlig verfehltes Leben habe ich nicht später vernehmen müssen! Die falsche Richtung, welche der edelste, kräftigste Teil der Nation, die studierende Jugend der damaligen Zeit, von den Philosophen erhielt, ein zweck- und zielloses Wissen, die Unfähigkeit, in irgend einer Weise der menschlichen Gesellschaft nützlich zu sein, erzeugte die demagogischen Umtriebe, diese kranken wahnsinnigen Ideen vom Staate, von Ver- besserungen, von Pflichten, Selbstüberschätzung, Hochmut, Eitelkeit und Anmassung, ein lahmer Ehrgeiz, der sich selbst die Anerkennung im Übermasse spendet, die ihm die Welt versagen muss: sie gehen aus den Lehrsälen dieser Männer hervor.

Während sich heutzutage dem, der die Chemie zum Studium gewählt hat, allerwärts Gelegenheit zur Ausbildung bietet, hatte zu Anfang unseres Jahrhunderts fast keine deutsche Universität einen besonderen Lehrstuhl für Chemie. Diese wurde meist einem Professor der Medizin zugeteilt und gewöhnlich infolge mangelhafter Kenntnis des Gegenstandes stiefmütterlich

*) LiebigÜber den Zustand der Chemie in Preussen 1840, pag. 43.