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sie von gewissen Gesetzen, deren allgemeine Gültigkeit sie ohne weiteres annahmen, ausgingen und mit diesen jeden einzelnen Fall zu erklären suchten, verfehlten sie nur zu leicht den rich- tigen Weg. Wie in den gesammten Naturwissenschaften überhaupt, so auch in dem Gebiete der Chemie wurde daher von den Griechen nichts Nennenswertes geschaffen, und doch wurden die Lehren des Aristoteles bis in das Mittelalter für richtig gehalten und verbreitet. Nach der Ansicht des griechischen Philosophen ist die Urmaterie an sich etwas Eigenschaftsloses und nimmt erst dann eine bestimmte Form der Erscheinung an, wenn sie sich wenigstens zwei der vier Grund- eigenschaften: trocken, feucht, warm, kalt angeeignet hat So lässt der Philosoph seine Elemente, die Träger dieser Eigenschaften, entstehen: die Erde(kalt und trocken), das Wasser(kalt und feucht), die Luft(warm und feucht) und das Feuer(warm und trocken). Die Veränderung der Eigenschaften der Materie, die an sich dieselbe bleibt, bedingt nach Aristoteles das Zustande- kommen der verschiedenen Körper.
Ebenso wenig wie bei den Griechen fiel die Kenntnis chemischer Vorgänge bei den Römern auf fruchtbaren Boden. Erst das nachfolgende Zeitalter der Alchemie, jene Zeit der Bestreb- ungen, unedle Metalle in edle zu verwandeln, führte zur Kenntnis einer grossen Zahl chemischer Vorgünge. Wenn auch diese Richtung als eine vollkommen verfehlte anzuschen ist und jeder wahrhaften Grundlage entbehrte, so ist sie dennoch für die Entwicklung der Chemie nicht ohne Bedeutung geblieben. Während sich früher nur einige wenige mit der Verbreitung chemischer Kenntnisse befassten, beschäftigte diese Zeit eine grosse Zahl von Forschern, welche eifrigst bemüht waren, neue Erfahrungen zu sammeln. Unter den mannigfaltigsten Umständen wurden die verschiedensten Körper zusammengebracht, allerdings nur in der Absicht, den Stein der Weisen zu finden, dem man die Eigenschaft zuschrieb, unter geeigneten Umständen mit unedlen Metallen behandelt, diese in Gold zu verwandeln. Nach der Eroberung Xgyptens durch die Araber gelangten durch diese die chemischen Kenntnisse nach Spanien, von da nach Frankreich, England und Deutschland. Während die chemischen Kenntnisse der Alten sich im Wesent- lichen auf einige metallurgische Prozesse, auf die Glas-, Töpfer- und Seifenbereitung, sowie die Ierstellung einiger Farbwaaren beschränkten, bestimmte der sich mit Recht besonderen Anschens erfreuende Alchemist Geber(zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts) die Eigenschaften der bekannten Körper viel eingehender, entdeckte eine grosse Zahl neuer Körper und lehrte die Herstellung derselben. So erzeugte er die Oxyde verschiedener Metalle, einige Sulfide, bereitete Pottasche und Soda, kannte das Destillationsverfahren, lehrte die Darstellung von Schwefelsäure, Salpeter- säure, Essigsäure, sowie des Königswassers und benutzte diese Reagentien zur Bereitung einer grossen Zahl bis dahin unbekannter Verbindungen, die er auch durch Filtrieren und Um- krystallisieren zu reinigen verstand. Den Werken Gebers entnehmen wir ferner die damalige Vorstellung über die Natur der Metalle. Nach seiner Lehre bestehen dieselben aus Schwefel und Quecksilber in verschiedenen Mengenverhältnissen und verschiedener Reinheit. Die Metall- verwandlung erklärt er durch eine willkürliche Abänderung der Zusammensetzung, die Ver- edlung durch eine Reinigung und Fixierung des Quecksilbers. Seit dem 13. Jahrhundert fand man überall bedeutende Alchemisten, es sei nur an Raymund Lullus, Arnaldus Villanovanus, Roger Baco, Albertus Magnus und Thomas von Aquino erinnert. Wenn auch die Zeit der Alchemie reich an Verirrungen ist, so muss man doch zugeben, dass in ihr viele Beobachtungen gemacht wurden, die der günstigen Weiterentwicklung chemischer Kenntnisse von grossem Vor- teil waren; denn die ausserordentliche Mannigfaltigkeit im Experimentieren musste ja manches Neue zu Tage fördern, was die Aufmerksamkeit der Forscher erregte und ihnen Veranlassung


