Uber die Entwicklung des chemischen Unterrichts.
Der Aufschwung, den die chemische Wissenschaft in unseren Tagen genommen hat, ist allerwärts bekannt. In den meisten Zweigen der Industrie hat sie Verwertung gefunden, gar viele Unternehmungen der neuesten Zeit verdanken ihr Entstehen den jüngsten Entdeckungen auf ihrem Gebiet und den günstigen Erfolg der Sicherheit,, mit der nunmehr die chemischen Prozesse hervorgerufen und ihr Verlauf geregelt wird. Ein Vergléich des Reichtums an Schätzen, die wir jetzt der Natur zur Befriedigung der zahlreichen Lebensbedürfnisse abgewinnen, mit der Mittellosigkeit früherer Zeiten, in denen die Menschheit sich fast nur diejenigen Stoffe nutzbar zu machen verstand, welche die Natur fertig bot, lässt erkennen, welche Bedeutung der Ver- wertung der chemischen Erfahrungen und Fortschritte im täglichen Leben beizumessen ist. Wenn auch den Alten eine ganze Reihe von Prozessen bekannt war, durch die ihnen die Her- stellung von Schmuckgegenständen, glasähnlichen Massen u. dgl. m. möglich wurde, so war eine Erweiterung ihrer Kenntnisse sehr erschwert, da diese nicht durch logische Schlussfolgerung aus klar erkannten Gesetzen gewonnen, sondern nur die praktische Anwendung zufällig ge- machter Beobachtungen waren. Wie aber auf jedem anderen Gebiet nur die wissenschaftliche Behandlung, die Kenntnis des inneren gesetzmässigen Zusammenhangs der Erscheinungen för- dernd wirkt und neues hervorbringt, so sind auch thatsächlich die chemischen Erfahrungen erst dann wirklich fruchtbringend geworden, nachdem die Chemie sich zu einer selbständigen Wissenschaft entwickelt hatte und Gegenstand eines besonderen Unterrichts geworden war. Der Beweis dieser Thatsache führt uns Jahrhunderte zurück und verlangt, wenn auch nur mit raschem Blick, die früheren Epochen chemischer Kenntnisse zu streifen und deren allmähliche Entwicklung zur Wissenschaft zu verfolgen.
Im Altertum waren es fast nur die aegyptischen Priester, die sich in den mit den Tempeln verbundenen Laboratorien mit chemischen Untersuchungen befassten und die gewonnenen Kennt- nisse als eine höhere Kunst vor allgemeiner Verbreitung sorgsam hiteten, so dass es nur den hervorragenderen griechischen Philosophen wie Solon, Pythagoras, Herodot, Plato und wenigen anderen, die sich das Vertrauen der Priester zu verschaffen wussten, vergönnt war, einige der Geheimnisse in Erfahrung zu bringen. Dass die Griechen die überkommenen Kenntnisse nicht erweiterten, ist allein ihrer Unkenntnis der inductiven Forschungsmethode zuzuschreiben. Indem


