— 44—
II. Ansprache des Herrn Jacob Rosenheim.
Hochverehrter Herr Rabpiner! Verehrte Herren vom Vorstand und Ausschuss! Meine Damen und Herren!
In leuchtenden Zügen, von kundiger Hand gezeichnet, steht's vor Ihrer Seele, das Bild des grossen, teuren Mannes, dessen Angedenken die stille Feier dieser Stunde gilt. Aber je heller und reiner sein Bild in die Herzen hineinstrahlt, je mächtiger der milde Glanz seiner selbstlosen Persönlichheit alle guten Geister der Bruderliebe weckt tief in der Seele, desto schwerer will mir die Pflicht erscheinen, nun im Namen der Schulverwaltung der besonderen Bande zu gedenken, die unsere Unterrichtsanstalten an den Namen Wilhelm Carl von Rothschild knüpfen.
Eine Welt weint ja an seiner Bahre, und allgewaltig dringt aus Osten her, aus Not und Druck, armen, verwaisten Volkes Totenklage an Ohr und Herz. Dorthin, wo die Quellen des jüdischen Geisteslebens rauschen, rauschen unter dem Schutt jahrhundertlanger Verkümmerung, dorthin ins Reich der Verkannten, dorthin sind ja vor allem, durch Schutt und Geröll, durch Nacht und Dunkel, die Strahlen seiner Liebe gedrungen. Dort rinnen die Thränen in elenden Hütten, dort zittern die Bildungsstätten des jüdischen Volkes, die Stätten der Gotteslehre, denen Wilhelm von Rothschild, als Einziger unter Vielen seines Ranges, ein verstehendes Herz voll Liebe entgengebracht und von deren Erhaltung heute für Millionen unserer unglücklichen Brüder alles, die ganze sittliche Zukunft von Generationen abhängt.
So wendet sich das sorgenvolle Herz zögernd nur dem eigenen Wehe zu— und doch, wenn wir erst im Geiste Wilhelm von Rothschilds der Brüder gedacht, die ja den Kern der jüdischen Diaspora bilden, dann dürfen wir's wagen, die cigenen Klagetöne hineinzurufen in die grosse Völker umfassende Trauersymphonie.
„Denn er war unser— mag das stolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig übertönen.“
Er war unser und wir waren sein.— Als Jüngling, kaum heimisch geworden auf Frankfurts Boden, hatte er mit hellem, scharfsichtigem Blick die ganze Bedeutung der geistigen Neugestaltung erkannt, die damals im Schosse des deutschen Judentums von Frankfurt aus sich vollzog. Vorher bereits, in dem Vernichtungskampfe der siegreichen Frankfurter Reform gegen die kargen Reste des alten jüdischen Geistes, war es die Familie Rothschild gewesen, die ihrem gesunden Empfinden treu, das Gewicht ihres Einflusses— erfolglos allerdings— gegen den Umsturz alles Bestehenden in die Wagschale warf. Mit dem ganzen Feuereifer jugendlicher Begeisterung ergriff Wilhelm von Rothschid diese Traditionen seines Hauses. Und als nun Samson Raphael Hirsch auf den Plan trat und seine Schule gründete, den triebkräftigen Blüthenkeim, an den sich die seligsten Hoffnungen für jene Neugestaltung des Judentums knüpften, da fand Wilhelm von Rothschild, der feingebildete Sohn einer neuen Zeit, in dem Lehrprogramm dieser Schule sein Lebensideal verwirklicht.— Ruhte diese Schule ja auf der UÜberzeugung, dass es nun in einer neuen, freundlicheren Zeit recht eigentlich gelte, die sieghafte Kraft des alten Gottesgesetzes in vollem Ausmass zu bewähren, dass dieser Gottesgeist stark genug sei, alles was an wahrhaft Edlem je gereift am Baume der menschlichen Kultur- entwicklung, geläutert im Feuer des Sinaiwortes, gemessen an seinen ewigen Massstäben, aufzunehmen und einzuführen in die Tiefen des jüdischen Bewusstseins. War es ja— und ist es ja— das Streben dieser Schule, universell gebildete Männer und Epauen zu erziehen, die es verstehen würden, den ureigensten sittlichen Besitz, die ganze lebendige Fülle beglückendster Gotteswahrheit und Väterweisheit hinauszuleben in den Strom allgemeinster Kultur, und so, empfangend, gebend, die edle Frucht jüdischer Menschenbildung zu vollenden.
So war die Liebe, die Wilhelm von Rothschild unserer Schule entgegentrug, die Liebe zum eigenen Lebensideal, auf dem Grunde tiefster principieller Würdigung erhob sich diese Liebe und wusste sich zu bethätigen in einer unendlichen Kette von Wohthaten, allen Gliedern und Beziehungen des Schulorganismus entgegengebracht.
Im Verein mit seiner edlen Gattin, deren tiefe Bildung und deren künstlerisches Empfinden sie gleich ihrem Gemahle in der Förderung der Schule ein teuerstes Anliegen erblicken liess, war Wilhelm von Rothschild ein halbes Jahrhundert lang unermüdlich in der materiellen Hebung unserer Unterrichtsanstalten. Ihm und seiner verehrten Gemahlin danken wir's zunächst, wenn unsere Schule in raschem Wachstum zur vollen Entfaltung ihrer Wirksamkeit sich erhob, ihm und seiner Gattin danken wir die herrliche Heimstätte, aus deren luftigen, lichterfüllten Räumen freier Odem und lichtige Helle in die Gemüter unserer Kinder strömen; ihnen, den Edlen danken wir's, wenn unsere Lehrer und Lehrerinnen ruhigen Sinnes, ohne Sorge um die Zukunft, ihres heiligen Amtes zu walten vermögen. Und neben den regelmässigen Bedürfnissen des Schulbetriebs gab's


