es mir zu von seiner geschäftlichen Thätigkeit zu reden, wie seine Gewissenhaftigkeit den Schild des auf Wahrheit und Treue gegründeten Welthauses blank und rein erhalten, von seiner Gewissenhaftigkeit im Privatverkehr möchte ich ein Beispiel hier vorführen. Nichts Heiligeres gab es für ihn als das Wort, darum war er sparsam mit dem Wort; kein Versprechen kam ber seine Lippen, aber dafür that er umsomehr. „Sprich wenig und thu viel!“ dieser Grundsatz unserer Weisen war ihm Norm, und in ängstlicher Gewissen- haftigheit, es könnte vielleicht ein unvorhergesehener Umstand eintreten, der ihn an der Einlösung eines Versprechens, oder eine Ausserung, die man als Versprechen ansehen könnte, hindern möchte, bedeutete er einem jeden, der von ihm etwas wünschte, was sich nicht gleich realisiren liess:„Ich habe Ihnen kein Versprechen gegeben!“ Nicht versprechen, handeln und thun! war seine Maxime.
Mit diesem strengen Gerechtigkeitssinn, mit dieser lauteren Wahrheitsliebe verband aber der Verblichene die weitgehendste Liebe zum Wohlthun. Nicht nur Wohlthätigkeit üben, Wohlthun lieben, das ist es, was der Prophet als die Aufgabe des edlen Menschen hinstellt. Das Wohlthun lieben, Freude am Wohlthun finden, Gelegenheit suchen, Mildthätigkeit zu üben: das zeichnete den Dahingeschiedenen aus. Nur diese Liebe zum Wohlthun machte es möglich, dass das Wirken des Verblichenen sich über die ganze Welt erstrecken konnte, dass seine Hilfe bereit war für die Not, die im entferntesten Winkel klagte, für die Thräne, die auf dem entlegensten Flecke der Erde geweint wurde; nur die Liebe zum Wohlthun liess ihn die Mühe nicht verdriessen, alle Gesuche— und deren waren alltäglich nicht wenige— selbst zu prüfen und zu erledigen und dieser nicht immer angenehmen Beschäftigung die späten Abendstunden, die man sonst für Erholung und Zerstreuung sich aufspart, zu widmen. Ihm war die Beschäftigung und die Sorge für die Übung der Mildthätigkeit Zerstreuung, Erbolung, Lebensfreude. Worin aber spricht sich wohl deutlicher die reine Liebe zum Wohlthun aus als in dem Verzicht auf jeden Dank, auf jede äussere Ehrnng? Es ist dies der hervorstechende Zug in dem Charakter des Verblichenen, dass das dritte, was der Prophet verlangt, unumstösslicher Grundsatz in seiner Lebensführung gewesen ist:„Bescheiden wandeln vor deinem Gotte!“
Nicht vollständig deckt die Ubersetzung„Bescheiden wandeln“ den Sinn des Textwortes. Bescheiden sein in all seinem Thun und es verborgen halten vor den Augen der Menschen, das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes. Und wer hätte diesem Verlangen besser genügt als der Verblichene.
Dieser war kein Mann, der sich gern in die Offentlichkeit drängte, kein Mann, der Huldigungen und Ovationen erwartete. Er vermied im Gegenteil es ängstlich, öffentlich geehrt und gefeiert zu werden, und in diesem Sinne befolgte er weit über das gewöhnliche Maass hinaus die Lehre unserer Weisen, dass wir Gottes Spuren nachwandeln sollen, indem wir so zu wirken suchen, wie Gottes Wirken für uns in die Erscheinung tritt.„Wie Gott liebreich ist, so seid auch ihr es, wie er die Hungrigen speist, so thuet auch ihr, wie er die Nackten kleidet, so auch ihr u. s. w.« Er that aber noch mehr: ein deutscher Dichter besingt Gottes Güte und Milde und zeichnet seine höchste Liebe zu den Menschen mit den Worten:
„Und der hat Gutes nur im Sinn, das kann man pald versteh'n, Er schüttet seine Wohlthat hin und lässet sich nicht sehen.“
Auch der Heimgegaungene schüttete seine Wohlthat hin und liess sich nicht sehen, er entzog sich den Ehrungen, und welch grossartige wären ihm entgegengebracht worden, wenn er sich an den Stätten, die er im Verein mit seiner edlen Gemahlin dem Unterrichte, der Wohlthätigkeit, der Krankenpflege u. s. w. gegründet hat, hütte sehen lassen. Er liess sich aber nicht sehes, behielt aber diese seine Stätten des Wohlthuns unablässig im Auge, und wie freudig leuchtete es in seinem Gesichte auf, wenn man ihm Gutes und Erfreuliches über die Fortschritte seiuer Institutionen und den Segen, den sie verbreiteten, herichtete!
So war das Leben des Mannes, dessen Heimgang wir so tief betrauern, das rastloser Thätigkeit und treuer Pflichterfüllung; er hat im Sinn der Propheten geübt, was gut, und was Gott von pflichttreuen Menschen fordert. Gewiss, wie keiner mehr geeignet, der Mitwelt ein vornehmes Beispiel der Nachahmung zu sein, gewiss wie keiner mehr geeignet als Vorbild für ein pflichttreues Leben zu dienen. Aber er ist dahin, sein lebendiges Beispiel ist der Welt entzogen, so möge denn sein Andenden uns treu als Vorbild bewahrt pleiben.
Bewahret Euch, liebe Schüler und Schülerinnen, die Züge des Bildes, das Euch gezeigt wurde; lernt daraus, dass man in jeder Lage des Lebens die Treue zu den Grundsätzen bewahren kann, nach denen Ihr hier unterrichtet und erzogen werdet. Dann wird diese Stunde nicht verloren, sie wird fruchtbringend für Euer ganzes Leben sein, und es wird sich an Euch bewähren, dass das Andenken eines Gerechten selbst
ein Segen sei.


