— 8—
diesem gegründeten Monatsschrift„Jeschurun“ die Ergebnisse seines Nachdenkens über pädagogische und didaktische, aber auch über manche andere Gegenstände in zahlreichen Aufsätzen niederzulegen.
Wir nennen von diesen Jeschurunaufsätzen nur zwei, die uns als die wichtigsten, jedenfalls für die Geschichte unserer Anstalten aus seiner Feder als die bedeutsamsten er- scheinen: die unter dem gemeinsamen Titel„Zur jüdischen Schulfrage“ erschienene Serie von Aufsätzen5), und„Die jüdische Realschule“ etc.) Diese Aufsätze legen von seiner päda- gogischen Einsicht und von der Klarheit seines Urteils in Fragen des Unterrichts ein rühm- liches Zeugnis ab. In jener Serie von Aufsätzen legt er die Organisation unserer Unterrichts- anstalten dar und bespricht im allgemeinen und speziellen die pädagogischen und didaktischen Ziele, die nach dem damaligen Stande der Dinge hier erreicht werden sollten, und die doch unserer Meinung nach recht hoch gesteckt waren. In einem dieser Aufsätze?) geht er von dem berühmten Satze Lockes aus:„nihil est in intellectu, nisi quod antea fuerit in sensu,“ „Nichts ist in unserem Geiste, was nicht vorher in unsere Sinne eingezogen war,“ und sucht nachzuweisen, wie ein nach methodischen Grundsätzen vorgehendes Unterrichtsverfahren wohl dazu gelangen könne, vor Schülern gereifteren Geistes gewisse schon mehr in die Tiefe gehende Fragen zu erörtern und zu klarem Verständnis zu bringen. Und auch hier zeigt es sich, wie das letzte Ziel dieses ganzen Schulunternehmens: die Eroberung unserer Jugend für die Lehren und das Schrifttum unseres Glaubens und für das Leben in den überlieferten Satzungen dem für seinen Väterglauben glühenden Manne stets vor Augen schwebte. Er wendet nämlich die aus allgemeinen didaktischen Erörterungen gewonnenen Ergebnisse sofort auf die religiösen Disziplinen an und meint dass man mit demselben Rechte, auch tiefer führende religiöse Probleme dem jugendlichen Geiste unter Umständen schon in der Schule darbieten könne. Es verdienen die Jeschurunaufsätze des damals in den Zwanziger Jahren stehenden Mannes noch heute mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden, wenngleich die Ver- hältnisse, unter denen sie geschrieben worden, und auf welche der Verfasser ausdrücklich Bezug nimmt, sich in der Zwischenzeit wesentlich verändert haben. Sie legen ein bedeut- sames Zeugnis ab für seine tüchtige philosophische und pädagogische Vorbildung, für die Ruhe und Reife seines Denkens, für die Vorsicht und Behutsamkeit seiner Beweisführung, die andererseits doch auch der Bestimmtheit nicht, entbehrt, ganz besonders aber für das mächtig in dem jungen Manne lodernde religiöse Feuer.
So geartet erscheint uns seine geistige und religiöse Physiognomie. Zu solchen Vor- zügen und Fähigkeiten gesellten sich bei ihm zwei bemerkenswerte Charaktereigenschaften: ein starker Wille, den man nicht selten einen unbeugsamen nennen konnte, und hervorragendes Talent zu leiten und zu herrschen, zwei Eigenschaften, die dem Leiter eines grossen Schul- organismus sehr wesentlich zu statten kommen, ja bis zu einem gewissen Grade in einer solchen Stellung gar nicht entbehrt werden können. Unter seiner zielbewussten und kraft- vollen Leitung sind unsere Schulen immer mehr emporgeblüht, die Schülerzahl der Realschnule und Höheren Töchterschule mehrt sich von Jahr zu Jahr, und mehr als sechshundert Schüler
⁵) Jahrgg. IV—VII(Oktober 1857 bis Oktober 1861).
⁶) Der vollständige Titel lautet:„Die jüdische Realschule in ihren genetischen und kulturhistorischen Beziehungen zum Judentum und zur Gegenwart. Ein Wort der Verständigung.“ Jahrgang VIII.
2) V, 88. 127— 140.


