Aufsatz 
Direktor Dr. Mendel Hirsch. Gedächtnisrede
Entstehung
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und Schülerinnen sind es jetzt, die den Heimgang eines um ihr sittliches und geistiges Gedeihen warm besorgten Leiters zu beklagen und zu beweinen haben. Meine amtliche

Stellung an dieser Schule legt mir eine behutsame Zurückhaltung in der Beurteilung unserer Leistungen in den religiösen und weltlichen Fächern auf. Aber das darf ich dennoch, ohne der UÜberhebung geziehen zn werden, laut und kühnlich aussprechen und zum Preise des Ver- storbenen verkünden: Unter den Schulen der gleichen Organisation nimmt die unsrige einen geachteten und ebenbürtigen Rang ein. Der Entschlafene hat seiner Gemeinde einen gesunden Schulorganismus als kostbarstes Erbe hinterlassen, einen Organismus der im frischen und fröhlichen Wachstum und Fortschritt noch immer seine Jugendlichkeit bekundet.

Der Heimgegangene war rastlos bemüht, die Schule in die Höhe zu bringen, das reiche Erbe, das er von seinem Vater überkommen, sorgfältig anzubauen und zu mehren, und er hat die ihm anvertrauten heiligen Gemeindegüter in Treuen und Ehren verwaltet. Unsere Gemeinde ist im Laufe der Zeit eine kinderreiche Mutter geworden, und die Mutter ist noch immer jung. Das alte, bescheidene, ehrwürdige Gemeindehaus konnte schliesslich die liebe Kinderschar nicht mehr fassen, und wir sind während der Amtswirksamkeit des Ent- schlafenen mit der gross gewordenen Schulfamilie in unser neues, schönes und stattliches, nach allen Anforderungen der Schulhygiene eingerichtetes Heim eingezogen. Durch die hoch- herzige, wahrhaft fürstliche Spende eines an Seelenadel einander ebenbürtigen Paares, dessen edle Namen von einer metallenen Gedenktafel in unserer Anstalt unserer Jugend in leuch- tenden Zügen als Vorbilder herrlicher Menschenliebe entgegenstrahlen, war uns dieses Haus gestiftet worden.s) Und der Segen Gottes hat auf diesem Hause, das zur Verherrlichung Seines heiligen Namens errichtet worden, sichtbarlich geruht.Die Räume wachsen, es debnt, sich das Haus! Den hohen, luft- und lichtdurchfluteten Räumen ist von Jahr zu Jahr immer neuer Kindersegen zugeströmt, und unser neues Heim, nun es reicht noch gerade aus, um die ihm überantworteten Menschenschätze zu bergen. Wie leuchteten die Augen des nun in eine höhere Ordnung abberufenen Mannes, wenn er an den Ehrentagen der Schule all dieses lebendige Glück um sich überschauen und an die prangende Jugend sein zündendes Wort

ergehen lassen durfte. Solche Tage rechnete er und mit vollem Rechte auch zu seinen Ehrentagen. Und wie er selbst so häufig von diesem jetzt verwaisten Platze aus

uns Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen am heiligen Werke für unsere wahrlich nicht leichte Mühewaltung öffentlich warmen Dank gespendet, so wollen wir es heute ihm vergelten und es ihm in derselben éffentlichkeit nachrühmen und in das frische Grab nachrufen: Unsere Anstalten haben ihre gegenwärtige Blüte und den hoffnungsvollen Stand ihrer Entwickelung doch sehr wesentlich seiner tüchtigen, stets sorgsamen, stets wachsamen, unserer besonderen Schulziele stets bewussten Lenkung und Leitung zu verdanken.

Von den mehr als dreissig Kollegen und Kolleginnen, die zuletzt mit ihm zusammen- gearbeitet haben, ist der bei weitem grösste Teil, ja, sind fast alle während der Zeit seiner Amtsführung als Direktor hier angestellt worden. Viele von den jüngeren Kräften

*) Inzwischen ist, vor wenigen Wochen, der Freiherr Wilhelm Carl von Rothschild aus seinem irdischen Wallen abberufen worden. An der Trauer der edlen Witwe, der Freifran Mathilde von Rothschild. und ihres Hauses nehmen alle echten Anteil, die für die wahrhaft ergreifende Charaktergrösse des heimge- gangenen Freiherrn sich Verständnis und Bewunderung erhalten haben.