Aufsatz 
Direktor Dr. Mendel Hirsch. Gedächtnisrede
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

sollten dem um sich greifenden Unglauben und der ebenso gefäbrlichen Gleichgültigkeit in religiösen Dingen gegenüber das alte, durch mehr als drei Jahrtausende in unseren Kämpfen vorangetragene Banner wieder aufrollen und hoch in die Lüfte flattern lassen und das Leben in unseren unveralteten und unverjährbaren Satzungen als die heiligste Bedingung ihres Lebens überhaupt ansehen: als eine Bedingung, mit deren Erfüllung wir alle Errungen- schaften unserer Zeit auf dem Gebiete der wissenschaftlichen, litterarischen und ästhetischen Kultur uns aneignen dürfen, nein! nicht dürfen, sondern aneignen sollen; eine Bedingung aber auch, ohne deren Erfüllung uns das Leben inbaltslos und schal, entgeistet und entgöttert und nicht lebenswert erscheint. Hoch war das ideale Ziel, das unseren Anstalten gesteckt worden ist. Und der Heimgegangene hat während seiner langen Wirksamkeit den geschicht- lichen Ursprung und das Ziel dieser Veranstaltungen nie aus den Augen verloren. Und wenn der Weiseste der Sterblichen gesagt hat:Die Furcht Gottes ist der Erkenntnis Anfang¹³), so glauben wir im Sinne des verewigten Gründers unserer Schulen und ihres zweiten, so jäh aus unserer Mitte hinweggerissenen Leiters für das Endziel und Endergebnis unserer Wirksamkeit als Lehrer und Erzieher einen anderen, nur scheinbar dem ersten wider- sprechenden Satz aufstellen zu dürfen, den Satz: Die Furcht Gottes muss aller Erziehung Frucht und aller Weisheit Schluss sein.

Dies war des Entschlafenen Auffassung von seiner Aufgabe, und das Leben und Weben in dieser dünkte ihm ein heiliger Dienst und ein priesterlicher Beruf. Die Schule dünkte ihm ein Gottestempel, sich selbst aber hielt er für einen zum Dienste im Allerheiligsten berufenen Priester und für ein erkorenes Werkzeug Gottes, erkoren, an dieser geweihten Stätte zu dienen mit der ganzen Macht seines Geistes, mit der ganzen Glut seines Herzens und mit der ganzen Thatkraft seiner starken Seele. So glauben wir heute, da er ach! nicht mehr unter uns weilt, in seiner Seele lesen zu dürfen. Und diese Selbsteinschätzung wäre wahrlich von ihm keine Unbescheidenbeit und Selbstüberhebung gewesen. Denn eigentlich sollte keiner das schwere Amt eines Jugendbildners sich zur Lebensaufgabe machen, der nicht von der Hobeit dieses Berufes durchdrungen ist, keiner, der nicht der Begeisterung und Selbst- losigkeit fähig ist, keiner, der nicht des Gottes voll ist, keiner, dem nicht wie dem zur Weis- sagung berufenen Jesajah ein Engel Gottes die Lippen mit einer feurigen Kohle berührt hat.) Und ihm wahrlich! ihm waren die Lippen mit einer feurigen Kohle berührt worden. Wie konnte er erglühen! Welche Glut konnte er in seinen Hörern anfachen! Von diesem jetzt leider verwaisten Platze aus hat er mit machtvoller Beredsamkeit zu den Geistern so vieler Schülergenerationen gesprochen und an ihre Gemüter und Gewissen gepocht: bald begeisternd und bald mahnend, bald ermunternd und bald verweisend, bald schalkhaft und voll behaglichen Humors und bald wieder tiefsinnig und erschütternd, bald wie ein hochgebildeter Weltmann und bald mit den wuchtvoll eifernden Worten unserer Propheten aus der Vorzeit.

Von den Gedanken, die ihn erfüllten, hat er schon früh das Bedürfnis in sich ver- spürt, sich und weiteren Kreisen schriftstellerisch Rechenschaft abzulegen. In seinen Studenten- jahren schon führte er ein Tagebuch, in welchem er auch die Eindrücke, die auf sein Gemüts- leben einwirkten, festzuhalten suchte. Und nur wenig später, als junger Lehrer schon, hatte er, auch nach dieser Seite hin von dem geistvollen Vater angeregt, Gelegenheit, in der von

³) Sprüche cap. I, 7. 4) Jesajah cap. VI 6, 7.