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Über den Gang und die Art seiner jüdisch-theologischen Studien in dieser Vor- bereitungszeit sind wir nicht des näheren unterrichtet. An der Universität selbst scheint er biblische Vorlesungen nicht gehört zu haben. Dass aber theologische Interessen und Nei- gungen in ihm auch damals wirksam waren, dürfte daraus erhellen, dass er im Wintersemester 1853/54 ein Kolleg über Homiletik bei Strauss gehört hat. Die talmudischen Studien wird er sicher in dieser Zeit nicht brach haben liegen lassen. Er muss sich ihnen eine Zeitlang sogar in nachhaltiger Weise hingegeben haben, denn einige Jahre nach Abschluss seiner Uni- versitätsstudien, im Jahre 1859, stellte ihm sein Vater unter dem Datum vom 10. Adar II. 5619 (= März 1859) ein seine Fähigkeiten und Kenntuisse rühmendes Rabbinatsdiplom aus. Wenige Wochen später erhielt er ein eben solches Diplom, datiert vom 9. Nissan 5619(= April 1859), von einem Herrn Gerson Ascher, der früher Rabbiner in Prenzlau gewesen war, und der den Entschlafenen in diesem Schriftstücke zu seinen Schülern zählt. So sind denn dem strebsamen Jünglinge die Universitätsjahre eine Quelle reicher wissenschaftlicher und päda- gogischer Belehrung und Anregung geworden. In der glücklichen Zeit der regsten Empfäng- lichkeit des jugendlichen Geistes hat der Jüngling den sicheren Grund zu einer vielseitigen allgemeinen Bildung gelegt.
Im Jahre 1855 schon, obwohl erst ein Zweiundzwanzigjähriger, wurde der Heimgegangene Lehrer an diesen Unterrichtsanstalten, die dank dem organisatorischen Genie des Rabbiners Samson Raphael Hirsch kaurz vorher(April 1853) ins Leben gerufen worden waren. Fünf- undvierzig Jahre hat der Heimgegangene an diesen Anstalten gewirkt, während der ersten Hälfte dieses Zeitraumes als Lehrer und seit Ostern 1877 als Direktor. Neben seinen Obliegen- heiten als Direktor einer stark besuchten Doppelanstalt(Realschule und Höhere Töchterschule) hat er auch siebzehn Jahre lang— ohne dafür eine irgendwie geartete Besoldung zu beziehen— die Israelitische Volksschule in unserer Vaterstadt geleitet. In früheren Jahrzehnten erteilte der Entschlafene auch in profanen Fächern Unterricht, hauptsächlich und mit Vorliebe in Deutsch und Geschichte, welche seinem ideenreichen Geiste wohl am meisten Gelegenheit bieten mochten, die Gedankenwelt, in der er lebte, und die Ideale, die er sich gebildet, vor den reiferen Schülern und Schülerinnen in lebendiger, fesselnder und begeisternder Rede dar- zulegen. Sein Lieblingsunterricht war aber wohl zu allen Zeiten der in den hebräischen Fächern. Denn die Welt der religiösen Ideen war es doch wohl. in der sich sein von den religiösen Problemen mächtig angezogener Geist am wohlsten und heimischsten fühlte. In dieser Welt war sein unvergleichlicher Vater ein Pfadfinder und Entdecker gewesen, dessen Spuren zu folgen, dessen Forschungen zu verbreiten, zu verdolmetschen und auszuspinnen bis an sein Lebensende sein höchster und heiligster Ehrgeiz geblieben ist. Dieser mächtige Anreger war es auch, der unsere Anstalten ins Leben gerufen und ihnen den Stempel seines eigenen Geistes und seiner eigenen Ideale aufgeprägt hat. Er hat ihnen die fest um- schriebene Aufgabe vorgezeichnet, Pflanzschulen zu werden für die künftigen Geschlechter
nnserer Gemeinde. In immer frischem Nachwuchse sollte sich unser unter so schwierigen, ja feindlichen Zeitumständen gegründetes Gemeinwesen verjüngen. Immer neue Geschlechter sollten aus unseren Schulen erstehen und vorbereitet in das Leben entsendet werden. Sie
Frau Direktor M. Hirsch hatte die dankenswerte Güte, mir eine Anzahl von Schulzeugnissen, Universitätspapieren und auch sonstige Zengnisse, die auf den Bildungsgang ihres verstorbenen Gatten Bezug haben, für diese Rede zu überlassen. Unter jenen befindet sich auch das Tübinger Diplom, aber kein Hinweis auf den Gegenstand der Dissertation.


