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Nikolsburg(Mähren) bekleidet, von welch letzterem Orte er schliesslich im Jahre 1851 von einer damals verhältnismässig kleinen Gemeinde nach Frankfurt a. M. berufen worden ist. So finden wir auch den Sohn in den Jahren 1841— 47 auf dem Gymnasium zu Emden und später auf demjenigen von Nikolsburg. Schliesslich hat er dann noch von Ostern 1850 bis Ostern 1851 in Hamburg, der Geburtsstadt des Vaters, das akademische Gymnasium besucht, von welchem er mit Zeugnissen rühmender Anerkennung seines Fleisses, seiner Kenntnisse und seines wissenschaftlichen Eifers auf die Universität entlassen wurde. In Hamburg hat er auch unter der Anleitung des ehrwürdigen und kenntnisreichen, nunmehr neunzigjährigen Stiftsrabbiners Herrn Löb Adler fleissig talmudischen Studien sich gewidmet. Dieser ver- ehrungswürdige Greis, ein Mann von wirklich vielseitiger Gelehrsamkeit, besonders aber von ebenso ausgebreitetem wie gründlichem talmudischen Wissen, hat noch viele Jahrzehnte später mir gegenüber seines damaligen Zöglings reifes und eindringendes Verständnis für die talmudischen Disziplinen gerühmt. Der würdige, ganz in seine erhabene Wissenschaft versenkte und von ihr in tiefer Seele beglückte Mann hätte in diesem Schüler für die tal- mudische Wissenschaft gern einen fähigen Jünger gewonnen und es am liebsten gesehen, wenn jener auf der damals hochberühmten Hochschule zu Pressburg seiner talmudischen Aus- bildung einen vorläufigen Abschluss gegeben hätte.
Aber des Jünglings Brust war bei aller Begeisterung für die jüdische Gottesgelehrsam- keit von anderen Lebensplänen erfüllt: er hatte das Lehrfach sich zu seinem künftigen Berufe gewählt. Sicher hat ihn— nach unserer Meinung— bei dieser Wahl auch die Absicht und die Hoffnung geleitet, auch in diesem Berufe religiös wirken und in den Kreisen unseres Bekenntnisses für unseren alten, aber nicht verjährten Glauben und die uns überlieferten heiligen Wissensschätze bei dem heranwachsenden Geschlechte junge Begeisterung wecken und entzünden zu können. Im April 1851 bezog er die Universität zu Bonn, auf welcher er jedoch nur während des Sommersemesters verblieb, um nach Berlin überzusiedeln. Hier studierte er von Michaelis 1851 bis Ostern 1854. Von den profanen Wissensfächern fesselten ihn— wie mir aus den Verzeichnissen der von ihm sehr fleissig gehörten Vorlesungen her- vorgeht— am meisten Philosophie, Psychologie, Litteratur und Geschichte. Wir nennen von seinen Bonner und Berliner Lehrern nur einige gefeierte Namen: den Geschichtsschreiber der Philosophie Brandis, Bernays, den glaubenstreuen Sohn des früheren Hamburger Oberrab- biners Bernays, den hervorragenden Aristoteliker Trendelenburg, den Psychologen Beneke, den grossen Philologen und Altertumsforscher Boeckh und den Begründer der neuen histo- rischen Forschungsmethode, Leopold von Ranke. Doch hat er auch verschiedene natur- wissenschaftliche Vorlesungen gehört, in Bonn z. B. bei dem Physiker Plücker und in Berlin bei dem Meteorologen Dove und bei dem Geographen Carl Ritter. Neben diesen Univer- sitätsstudien war er auch eifrig bemüht, sich in Berlin schon für seinen künftigen Beruf ganz speciell vorzubereiten. So hat er béispielsweise, wie aus einem auerkennenden Zeugnisse Thilos, des Schwiegersohnes von Diesterweg hervorgeht, sich eifrig bemüht, an dem jenem unterstellten königlichen Seminar für Stadtschulen sich pädagogisch und didaktisch auszu- bilden, und besonders auch dem Unterrichte Thilos in Pädagogik und Methodik beigewohnt. Seine Studienjahre fanden ihren Abschluss mit seiner Doktorpromotion²) in Tübingen im März 1854.
2²) Es ist mir leider nicht geglückt, das Gebiet und den Titel der Doktordissertation festzustellen.


