Aufsatz 
Schiller und die praktischen Ideen / [vom Tepe]
Entstehung
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lich auch der Herzog von Weimar, von dem er ſich nicht trennen mochte, wenn ihm auch von auswärts die verlockendſten Anerbietungen gemacht wurden; vor Allem aber ſeine Eltern. Gegen ſie war er die Pietät ſelbſt, und er verdiente das Zeugniß, welches ihm ſeine Mutter in ihrem letzten Briefe an ihn ausſtellt:Ach, ſo gibt es keinen Sohn in der Welt mehr.

Pietät iſt überhaupt ein hervorſtechender Zug in Schillers Charakter. Mit Pietät gedachte er ſelbſt derjenigen, die ihm ohne ihr Wiſſen und Wollen Dienſte geleiſtet hatten eines Homer, Leſſing, Kant; mit Pietät hing er an ſeinem Hauſe, ſeiner Heimat, ſeinem Vaterlande; mit Pietät betrachtete er ſogar die freundliche Sonne am Himmel, und einGott ſei Dank bei glücklichen Ereigniſſen zeigte deutlich genug, daß in der Tiefe ſeiner Bruſt Frömmigkeit wohnte.

Das feine und nachhaltige Gefühl für Wohl⸗ und Wehethaten und das entſchiedene Verlangen nach Ebenmaß zwiſchen den Geſinnungen und Handlungen der Menſchen, kurz, die lebendige Idee der Billigkeit nährte und ſteigerte ganz natürlich Schillers Intereſſe bei Betrachtung der moraliſchen Welt. Mochte er ſich in der Gegenwart umſchauen, oder in der Vergangenheit, gleichgültig konnte er ſelten bleiben; denn entweder befriedigte und erfreute ihn die Uebereinſtimmung zwiſchen Wohlthun und Danken, zwiſchen Vertrauen und Wahrhaftigkeit, zwiſchen Leiſtung und Lohn, zwiſchen Verbrechen und Strafe, oder es brachten ſchreiende Misverhältniſſe ſein Gemüth in Bewegung. Im letztern Falle bricht er oft in die allgemeine Klage aus, daß Glück und Verdienſt ſo ſelten zuſammen gehen, oder er äußert ſich mit Bitterkeit über einzelne Vorgänge, z. B. über die Verfolgung, die Rouſſeau erfahren, und über den an Ludwig dem Sechzehnten verübten Juſtizmord.

Je öfter er nun, von der Idee der Bllligkeit erfüllt, in die Geſchichte blickte, deſto aufmerkſamer wurde er auch auf die verſchiedenen Lohn⸗ und Strafſyſteme, wie ſie in den Geſetz⸗ und Religionsbüchern der älteren und neueren Zeit hervortreten. Noch mehr aber wurde er angezogen durch die zwar unſyſtematiſchen, aber tiefen Anſchauungen großer Dichter von demfürchterlich ſchoͤnen Gleichgewicht, worin das Schickſal der Menſchen unter ſich ſteht. Shakeſpeare, Aeſchylus, Homer erregten durch ihre Schilderungen der aufeinanderfolgenden Hybris, Ate, Nemeſis ſeine ganze Seele und erneuten immer das Ethos und Pathos, das ihn zum tragiſchen Dichter machte. Hätte Schiller ein fertiges Vergeltungsſyſtem angenommen, wäre er auch nur Kants Poſtulat einer künftigen Aus⸗ gleichung dauernd beigetreten; ſo möchte er ein zu ruhiger Beobachter geworden ſein, um Kunſtwerke zu ſchaffen, die Furcht und Schrecken erregen. Das Vermögen dazu blieb ihm und wuchs man denke nur an ſeine Marfa mit zunehmenden Jahren ſogar, weil er ſchon in der Weltgeſchichte das Weltgericht ſich vollziehen ſah und weil es ihn nun drängte, die in der Bruſt der Menſchen allgemein waltende Idee der Billigkeit an einzelnen glän⸗ zenden Beiſpielen auch für blöde Augen erkennbar und für harte Herzen fühlbar und furchtbar zu machen.