Aufsatz 
Schiller und die praktischen Ideen / [vom Tepe]
Entstehung
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willen und Zorn vernimmt, den die Rächſtenliebe gebiert. Der eigentliche Haß, der das Herz vergiftet, paßt gar nicht zu Schillers Natur; er war viel zu kräftig und poſitiv, um dieſen nagenden Wurm im Herzen groß zu ziehen. Wer ihn aber von momentanem In⸗ grimm gegen Widerſacher ebenſowenig frei zu ſprechen wagt, wie von momentanem Neid gegen Glücklichere den er hinſichtlich Göthes ſeinem Körner einmal überaus naiv bekennt, der wird doch geſtehen, daß ſolche ſchwache Augenblicke ſeine Grundſtimmung, ſeine Liebe und ſein Wohlwollen gegen die Menſchen, durchaus nicht verdorben haben; er wird ihn für keinen Heiligen erklären, wofür er ſich ſelbſt nie angeſehen und ausgegeben hat, aber mit denen, die ihn genau kannten, aus vollem Herzen den guten Menſchen nennen.

Machen wir hier einen Augenblick Halt und erwägen noch einmal in einer kurzen Ueberſicht, auf welche Weiſe die Ideen des Wohlwollens und der Vollkommenheit bei Schiller zur Erſcheinung kommen. Das Wohlwollen war ihm natürlich und ſein ganzes Leben hindurch eigen. Er liebte es an ſich und an Andern und ſchätzte ſich und Andere deswegen beſonders hoch. Am ſchönſten erſchien es ihm in der Gegenſeitigkeit, als Freund⸗ ſchaft zwiſchen Zweien und als Liebesbund zwiſchen Einem und Vielen oder zwiſchen Vielen und Vielen. Sein Wohlwollen ging aus der Sympathie hervor und trieb ihn zu uneigennützigem Wohlthun, das ihm nach einem Briefe an Körner vom 19. Februar 1793 allein ſchön erſchien. Sein Wohlwollen war zwar nicht immer ſo allgemein, wie die Sympathie, inſofern dieſe auch die Antipathie mit einſchließt; es war aber umfaſſender, als ſeine Zuneigung, die er bei ſeinem Schönheitsſinn nur Wenigen ſchenken konnte. Un⸗ willen und Widerwillen hat er gegen Viele offen an den Tag gelegt; verſteckter Groll dagegen, heimtückiſcher Haß war ſeiner edlen Natur zuwider und fremd.

Was die Idee der Vollkommenheit betrifft, ſo war Wohlgefallen am Großen und Freude am Wachſen in ihm immer lebendig, ſelbſt während der langen Jahre körperlicher Schwäche. Seine Hauptſtärke lag in der Vernunft, dem logiſchen, dem äſthetiſchen und beſonders dem ſittlichen Gewiſſen. Sittliche Ideen anzuſchauen, darzuſtellen und zu ernſt⸗ freundlichen Lebensnormen zu geſtalten, machte er daher zu ſeiner Lebensaufgabe. Das Sittliche wurde der Hauptgegenſtand ſeiner Philoſophie, die Baſis ſeiner Religion und die unverſiegbare Quelle ſeiner Poeſie. Es zog ihn beſonders in erhabener Geſtalt an und machte ſeinen Geiſt ſo hell und ſein Herz ſo feſt, daß er auch in das Dunkel, welches unſer Wiſſen und unſer Leben umgibt, mit Ruhe hineinblicken konnte. Alles Niedrige und Gemeine aber lag ſo weit hinter oder unter ihm, daß er einmal, als einer der Tiſch⸗ genoſſen eine niederträchtige Handlung eines damals in Jena angeſehenen Mannes erzählte, entſetzt ausrief:Es iſt zu verwundern, daß ſolche Menſchen nicht im Gefühle ihrer Nichts⸗ würdigkeit augenblicklich verweſen.

Wenn nun die Ideen der Vollkommenheit und des Wohlwollens ſchon vereinzelt ſeine Seele auszufüllen vermochten, ſo war ihm doch am wohlſten, wo er beide vereint