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nung den Menſchen immer nahe geſtanden hat und daß, wie H. Voß mehrmals wieder⸗ holt, der Spruch:„Dieſen Kuß der ganzen Welt“ bei ihm keine bloße Dichterſiction ge⸗ weſen iſt.
Sympathiſirte Schiller nun aber auch mit der Menſchheit und zwar nicht bloß mit der civiliſirten, ſondern auch mit der unciviliſirten, nicht bloß mit der gegenwärtigen, ſon⸗ dern auch mit der vergangenen und zukünftigen, ſo fand er deswegen doch nicht an allen Individuen eben Wohlgefallen. Er kam vielmehr gerade, weil er von der Menſchheit ſo groß dachte— nach ſeiner eigenen Erklärung— in Gefahr, die Menſchen zu verachten. Namentlich konnte er zu denen kein Herz faſſen, die ſelbſt herzlos waren, mochten ſie übrigens die andere Eigenſchaft, die Schiller ſo hoch ſtellte, Kraft und Größe des Geiſtes und Wil⸗ lens in hohem Grade beſitzen. Napoleon ſtieß ihn entſchieden ab; auch für Friedrich den Großen konnte er ſich auf die Dauer nicht ſo begeiſtern, daß er ihn in einem Heldengedicht hätte beſingen mögen. Selbſt Wallenſtein, den er doch Jahre lang mit aller Künſtler⸗ Sorgfalt behandelte, ließ ihn kalt, während Max und Thekla ſeine herzliche Zuneigung gewannen.
Mochte Schiller nun aber auch wegen der hohen Anforderungen, welche er an die Men⸗ ſchen ſtellte, nur an wenigen reine Freude und Wohlgefallen haben; ſein aus der Sympathie hervorgehendes Wohlwollen erſtreckte ſich über einen weiten Kreis. Am lebendigſten und thätigſten war es freilich für die, welche ihm nahe ſtanden und ihm mit ihren Wünſchen und Beſtrebungen bekannt waren; es umfaßte aber auch Fernſtehende und trieb ihn an, da, wo man ſeiner Hülfe zu bedürfen ſchien, nach Vermögen zu helfen. Denn nicht um ſeinetwillen allein hat er es ſich im Leben ſo ſauer werden laſſen, ſondern zugleich mit Rückſichk auf die Brüder und mit der Abſicht ihr Loos zu verbeſſern. Vor allem ſuchte er zum Gemeingut zu machen, was nach ſeiner Lehre dem Menſchen als Menſchen unentbehrlich iſt: die negative Freiheit von unwürdigen und unnöthigen Feſſeln und die poſitive Freiheit der vernünftigen Selbſtbeſtimmung. Mit dem Ausblick auf ein ſolches Ziel kämpfte er gegen jeden Despotismus, ſchilderte er ſiegreiche Freiheitskämpfe, ſann er auf eine richtige Volkserziehung.
Daß Schiller in dieſer Arbeit und in dieſem Kampfe für vernünftige Freiheit auch den Gegnern derſelben gezürnt und abſichtlich wehgethan habe, ſoll und braucht nicht ver⸗ ſchwiegen zu werden. Auch er ſelbſt macht kein Hehl daraus, ſondern bekennt es unter anderem gar deutlich in einem Briefe an Reinwald, worin die Stelle vorkommt:„Außer⸗ dem will ich es mir in dieſem Schauſpiel zur Pflicht machen, in der Darſtellung der In⸗ quiſition die proſtituirte Menſchheit zu rächen. Ich will, und ſollte mein Carlos dadurch für das Theater verloren gehen, einer Menſchenart, welche der Dolch der Tragödie bis jetzt nur geſtreift hat, auf die Seele ſtoßen. Ich will—“. Erkennt man in ſolchen und ähnlichen Aeußerungen einen tadelnswerthen Haß, ſo hat Schiller ſich ſelbſt das Urtheil geſprochen; der Wahrheit aber dürfte man näher kommen, wenn man darin den edlen Un⸗


