Aufsatz 
Schiller und die praktischen Ideen / [vom Tepe]
Entstehung
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Glauben an ſeine Menſchenfreundlichkeit nicht erſchüttern. Ihre Wirkung iſt vielmehr, daß man ihn lobt wegen der Kraft und Feſtigkeit, womit er die Zumuthungen, welche ſeine Entwickelung und ſeine Arbeit geſtört hätten, von ſich abwehrte. Selbſt wenn er in ſeinen eigenen Briefen Neid und Miſanthropie bekennt, legte und legt man kein großes Gewicht darauf; denn man wußte und weiß, daß er in ſolchen Augenblicken ſich ſelbſt verkannte, oder daß doch der ausſetzende Puls der Liebe und Freundſchaft bald wieder zurückkehrte.

Schiller iſt und bleibt in unſern Augen ein ungemein liebevolles und wohlwollendes Weſen. Er war, wie Körner ihm ſchreibt, nicht fähig, als ein iſolirtes Weſen bloß für ſelbſtſüchtigen Genuß zu leben, ſondern hatte ſtets das Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden. Immer mußte ſein Herz an jemand hangen, irgend eine Seele auf dem Erden⸗ rund mußte er ſein nennen. Vor Allen und am längſten ſpmpathiſirte er mit den Seinigen: mit den Eltern und Schweſtern, mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern.O, meine Mutter! rief er, als das Schickſal ihn von ihr riß, und ähnliche Aeußerungen eines innigen Mit⸗ gefühls mit den Erlebniſſen all der Theuren hören wir von ihm während ſeines ganzen Lebens.

Schillers Verlangen nach gegenſeitiger Theilnehmung wurde aber in dem kleinen Kreiſe noch lange nicht befriedigt; er ſehnte ſich auch außerhalb des Hauſes nach intimen Ver⸗ hältniſſen. Mit Buſenfreunden zu verkehren, mit Freundinnen Liebe um Liebe zu tauſchen, war ihm Herzensluſt und Herzensbedürfniß. Selbſt noch als Mann, als zärtlicher Gatte und Vater war er ſeine Briefe zeigen es alten und neuen Freunden mit Wärme zugethan.

Schiller würde ſich aber von der Menge wenig unterſcheiden, wenn ſeine Sympathie ſich auf die Verwandten und Freunde beſchränkt hätte; er würde in dieſem Falle auch nicht die Liebe des ganzen Volkes gewonnen haben. Sein Herz war weiter, es ſchlug der ganzen Menſchheit; den Menſchen als ſolchen ſah er an als ſeinen Verwandten, ſeinen Freund, ſeinen Bruder. Es war ihm geläufig, dasIch bin ein Menſch in ſeiner Geſinnung um⸗ zuwandeln inAuch du biſt ein Menſch(Tell zu Parricida) und jeden Erdenbürger als ſeines Gleichen anzuſehen. Es war ihm daher auch natürlich, mit den Menſchen ſich zu freuen und zu betrüben, zu jubeln und zu klagen, zu hoffen und zu fürchten, zu lieben und zu zürnen.

Seine Werke allein ſchon zeigen zur Genüge, wie lebhaft und beharrlich er ſich für den Menſchen intereſſirte. Ihr Hauptinhalt iſt ja eben der empfindende Menſch; ihn hat er im Auge als Geſchichtſchreiber, als Philoſoph und beſonders als Dichter. Man braucht um eins der bekannteſten Stücke zu nennen ſich nur dieGlocke zu vergegenwär⸗ tigen, um ſich zu ſagen, mit welcher Liebe er auf die Gefühle und Beſtrebungen der Men⸗ ſchen eingeht. Läßt man aber auch andere Gedichte namentlich die großen Dramen an ſeinem Geiſte vorübergehen und achtet auf die verſchiedenartigſten Perſonen in den man⸗ nichfachſten Lagen und Stimmungen; ſo merkt man wohl, daß Schiller in ſeiner Geſin⸗