Aufsatz 
Schiller und die praktischen Ideen / [vom Tepe]
Entstehung
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zwar nicht, dafür aber deſto anſchaulicher dargeſtellt. Bald einzeln, bald in der Mehrheit, bald im vollen Chor erſcheinen ſie als die Seele ſeiner Dichtungen und geben ihnen Leben und Dauer. Vor allen iſt es die Idee der Vollkommenheit, ein gewiſſerafflatus divinus, der ſeine Kunſtwerke durchdringt und ihnen das allgemeine Gepräge, das Gepräge der Großheit verleiht.

Dies Schillerſche Gepräge tragen ſeine kleinen Epigramme und ſeine großen Dramen, ſeine Elegien und ſeine Hymnen, ſeine Lieder und ſeine Balladen. Großartig ſind ſeine Entwürfe, glänzend ſeine Schilderungen, prächtig ſeine Sentenzen; ſeine ganze Sprache iſt energiſch und reich. Hohen Sinn, Kraft, Muth, Stolz zeigen faſt alle Kinder ſeiner Phantaſie, beſonders ſeine Lieblinge, und einige erreichen durch Leidenſchaftlichkeit und Verwegenheit ſogar die Region des Erhabenen und Koloſealiſchen.

Die Idee der Vollkommenheit hat Schiller aber nicht bloß dann ſtark gemacht, wenn er in der Einſamkeit dachte und dichtete, ſondern ſie hat ihm auch ſiegreiche Waffen zum Lebenskampfe geliefert: die Ergebung, welche ruhig erwartet und erträgt, was der Himmel ſendet; die Standhaftigkeit, woran jede Qual erlahmt; die Mäßigung, die vor trotzigem Unmuth und Uebermuth ſchützt; die Entſchloſſenheit, die das Leben einſetzt, um das Leben zu gewinnen; das ſtolze Bewußiſein:

So hoch geſtellt iſt keiner auf der Erde,

Daß ich mich ſelber neben ihm verachte; den edlen Zorn, der die unſaubern Geiſter abſchreckt; den Heroismus, der da ausruft: Ich will dieſes Volk erlöſen!

Das große Wort:Ich will dieſes Volk erlöſen, welches Schiller zwar ſeinem Moſes in den Mund legt, aber aus ſeinem eigenen Innern geboren hat, zeigt zugleich die Idee der Vollkommenheit bei ihm in ſchöner Vereinigung mit allen übrigen Ideen: mit der Idee der Billigkeit, die den Patriotismus erzeugt; mit der Idee des Rechts, die ſtatt des Despotismus Geſetzesherrſchaft erſtrebt; mit der Idee der innern Freiheit, die entſchieden ſagt:Ich will! und vor allen mit der 3

Idee des Wohlwollens.

Größe und Güte, Stärke und Milde paarten ſich überhaupt bei ihm ſo, daß man zweifelhaft werden kann, auf welcher Seite das Uebergewicht liegt. Die Verbindung der zwei Grundtugenden unſerer Gattung war bei ihm eine natürliche und bleibende und prägte ſich daher auch in ſeinem Aeußern aus. Alles Uebrige an ihm, ſagt Göthe, ſeine Haltung, ſein Gang auf der Straße, jede ſeiner Bewegungen war ſtolz und großartig, aber ſeine Augen waren ſanft; und in ähnlicher Weiſe laſſen auch die Abbildungen von ihm den ſchönen Doppelcharakter hervorſcheinen, der alle Herzen gewinnt.

Zwar gibt es Nachrichten, die Schiller Kaltherzigkeit vorwerfen, J. P. F. Richter nennt ihn ſogar einmal den felſigten; allein ſolche Zeugniſſe können den allgemeinen

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