Aufsatz 
Schiller und die praktischen Ideen / [vom Tepe]
Entstehung
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ein großes Beſitzthum an Wahrheit, unmittelbarer und unbeſtreitbarer Wahrheit übrig blieb das Reich des Guten und Schönen. Dies Beſitzthum konnte ihm nicht verfälſcht über⸗ liefert werden, denn es kommt nicht von außen; es konnte ihm auch nicht durch Zweifel zerſtört werden, denn es war in ihm, er brachte es ewig hervor.

Das ſichere Gebiet der Aeſthetik der praktiſchen Vernunft und der Urtheilskraft wo das Gewiſſen ſein unbedingtes Ja und Nein ſpricht, war daher ſein liebſter und ge⸗ wöhnlicher Aufenthalt. Hier ſuchte er ſich ohne Bangen immer vollſtändiger zu orientiren; von hier aus ſchaute er mit Seherblick ahnend in das Jenſeits und richtend in das Thun und Treiben der Menſchen; hier erſchienen ihm die ewigen ſittlichen Muſterbilder Ideen die ihn unaufhörlich zum Darſtellen, zum Schaffen begeiſterten.

Hält man ſich an einzelne Ausſprüche Schillers, z. B. an das EpigrammDer Aufpaſſer:

Strenge, wie mein Gewiſſen, bemerkſt du, wo ich gefehlet;

Darum hab ich dich ſtets, wie mein Gewiſſen geliebt; ſo kann man zu der Meinung verleitet werden, er habe den innern Richter geſcheut. Ver⸗ weilt man aber länger bei ihm, ſo überzeugt man ſich einmal über das andere, daß er von einer ſolchen wenig ehrenvollen Antipathie ganz frei war und mit Kant ſagen konnte, er werde mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt, je öfter und anhaltender ſich ſein Nachdenken mit dem moraliſchen Geſetze in uns beſchäftige. Sonſt würde er ja nicht ſo gewaltig von dieſem ernſten Meiſter angezogen ſein; ſonſt wären ihm nicht, wie dieſem, Nachrichten ſo willkommen geweſen, die ihm einen Einblick in die Tiefen des menſchlichen Herzens gewährten; ſonſt hätte er nicht mit Shakeſpeare'ſcher Unerſchrocken⸗ heit das dämoniſche Reich aufdecken, nicht Jahre lang das Gebiet des Gewiſſens wiſſen⸗ ſchaftlich durchforſchen und beſchreiben können.

Wie bewandert und ſelbſtſtändig er in dem genannten Gebiete des Geiſtes war, zeigt. ſein Abgehen von den Satzungen Kants. Er ſchied die praktiſche Vernunft nicht ſo ſtrenge, wie jener, von der äſthetiſchen Urtheilskraft, ſondern faßte, wie ſein Briefwechſel mit Körner aus dem Anfange des Jahres 1793 zeigt, beide Functionen der Seele unter ein gemein⸗ ſames Princip.Pflicht blieb auch ihm ein erhabener, großer Name, wodurch jedes widerſtrebende Belieben zurückgewieſen und dieGefahr äſthetiſcher Sitten abgewandt werden müſſe; aber er konnte nicht ſo begeiſtert, wie Kant, von ihr reden, weil er über die reine Geſetzmäßigkeit noch hinausſah auf ein richtiges Wollen und Handeln mit Neigung, weil er auf ein ſchönes Verhalten, evangeliſche Freiheit hinzielte.(Vergl. Tomaſchek Sch. in ſ. B. z. W. p. 229 ff.)

Schiller ſteht alſo zu Kant in einem ähnlichen Verhältniſſe, wie Herbart. Auch ihm löſt ſich der ſtarre kategoriſche Imperativ in ſittliche Ideen auf, denen wegen ihrer Allge⸗ meinheit und Bedeutung unter allen äſthetiſchen Ideen die Oberhoheit gebühre.(Vergl. Schiller an Göthe den 29. December 1797.) Viſſenſchaftlich geſchieden und beſchrieben hat er ſie