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Die Vorliebe des Knaben für das Predigtamt hatte ſeinen tiefſten Grund in einer andern Eigenthümlichkeit ſeiner Natur. Es war ihm nicht gleichgültig, womit ſein Geiſt ſich beſchäftigte, ſondern er liebte nur die Arbeit, wobei ſein Gemüth ſich betheiligen konnte. Ohne eine gewiſſe Innigkeit— ſo urtheilt er in einem Briefe an Göthe ſelbſt über ſich— vermochte er auch nichts und hatte alſo keine Anlage zum Polyhiſtor. Das Kleine, das Bunte, das Entlegene intereſſirte ihn ſo wenig, daß es ihm ſein Leben lang ſchwer wurde, dem Gedächtniß ein gelehrtes Wiſſen einzuprägen. Auch die bloße Beſchäftigung des Ver⸗ ſtandes, ſo ſcharf und ſtark er war, genügte ihm auf die Dauer nicht. Er war alſo— man darf es ohne ausdrückliches Zeugniß annehmen— zum Mathematiker eben ſo wenig geſchaffen wie zum Juriſten. Das exacte Rechnen mußte ihm bei ſeinem natürlichen Hange zu Gefühlserregungen bald läſtig werden, ſo unermüdlich er war im abwägenden Sinnen. Außerdem würde ihn die Mathematik, wie die Medicin, ſchon deshalb nicht lange haben feſſeln können, weil ſie ihn mehr und anders, als er es liebte, in die materielle Welt ein⸗ geführt hätte.
Schiller erging ſich zwar immer gern in Betrachtungen der Natur, aber gewöhnlich nicht als verſtändiger Beobachter und gelehrter Forſcher, ſondern als ſympathiſirender Freund. Die äußern Erſcheinungen pflegte er auf ſein Empfinden zu beziehen, das innere Leben auf die Außenwelt zu übertragen und in ſolchem Zwiegeſpräch Kopf und Herz zu beleben und zu bereichern. Mehr als die wiſſenſchaftliche Naturforſchung zog ihn die Naturphiloſophie an, denn er verlangte ſtets darnach, die Welt in ihrer Ganzheit zu begreifen, den ruhenden Pol in der Erſcheinungen Flucht zu finden. Da er aber auf ſeine metaphyſiſchen Fragen keine genügende Antworten bekam und zur Aufſtellung eines eigenen Lehrgebäudes nicht das nöthige Intereſſe und die ausreichende Kraft in ſich verſpüren mochte, ſo zog er ſich mit ſeinen Gedanken von dem Makrokosmos meiſtens auf den Mikrokosmos zurück. Der Menſch, des Menſchen Loos, ſein Empfinden, Denken und Wollen und deſſen Grundgeſetze und Normen waren und blieben die Hauptgegenſtände ſeiner Beobachtung und ſeines Nachdenkens.
Auf dem umſchriebenen Gebiete ließ Schiller ſich immer willig unterweiſen, aber nie Feſſeln anlegen. Kein Dogma, es mochte kommen, woher es wollte, imponirte ihm ſo, daß er es ohne Prüfung und ohne Ueberzeugung angenommen hätte. Schon früh wurde er gelegentlich aus einem Schüler ein verurtheilender Kritiker, und ſo hat er es ſpäter immer gehalten, wenn die Ueberlieferung ſeiner innern Stimme widerſprach. Er verließ die Führer, wenn ſie ihm unzuverläſſig zu werden ſchienen, und fühlte ſich ſtark genug, allein in das Dunkel der Probleme einzudringen und ihre Löſung und Aufhellung zu verſuchen. Bis an das Allerheiligſte ging er vor, wagte aber nicht, den Schleier, den er nicht durch⸗ ſchauen konnte, wegzuziehen, ſondern ließ ſich auch hier warnen durch die innere Stimme und genügen an den Worten des Glaubens.
Schiller war alſo auch ein beſonnener Denker und wußte zu reſigniren. Er ver⸗ zichtete aber mit Kant um ſo leichter auf ein poſitives metaphyſiſches Wiſſen, da ihm noch


