der Juden war höchst ungünstig. Trotz des Schutzes der Kaiser und der Gesetze, vielleicht mitunter gerade deshalb, trotz der Verbreitung der jüdischen Religion in Rom, hatten sie in der Heidenwelt unsäglichen Hass zu ertragen. Friedländer:) gibt als Gründe unter Anderen hiefür an: Die Verachtung aller andern Nationen, Culturen nnd Religionen von jüdischer Seite, ihre Absonderung von Tisch und Familie ihrer Nachbarn, sowie ihr festes Zusammenhalten untereinander, wodurch sie den Anschein erhielten, als ob sie allen Menschen zuwider und ein von Menschenhass erfülltes Volkz²) seien. Zu dem Hasse gegen das israclitische Volk gesellte sich bei den Heiden die Verachtung und lästerliche Verhöhnung jüdischer religiöser Gebräuche und Gesetzesvorschriften, die man nieht ver- stand oder nicht verstehen wollte. Der Hass und die Verachtung der Heiden wurde genährt durch die tonangebenden römischen Schriftsteller, welche hauptsächlich auf Grund egyptischer Quellen(Gieseler I. c. S. 51 Anmerkung 4 ³) Erdichtungen, Uebertreibungen und Verleumdungen über die Juden verbreiteten. Wir übergehen die feindseligen Aeusse- rungen des älteren Plinius¹) und Quinctilianss) und kommen zuerst auf Tacitusé). Obgleich er sonst so gewissenhaft und kritisch in Durchforschung seiner Quellen verfährt, obgleich der ausführliche Bericht des jüdischen Geschichtschreibers Josephus vor ihm lag und er sich daraus leicht über den wahren Sachverhalt unterrichten konnte, ist ihm dies der Mühe nicht werth. Hier setzt er sich über Alles hinaus und bringt über Herkunft, Religion und Sitte des jüdischen Volkes fabelhafte, abenteuerliche und ehrverletzende Mittheilungen. Er erwähnt unter andern Fabeln über ihre Herkunft auch die, dass sie ursprünglich in Creta gewohnt; wegen des dortigen Berges Ida hätten sie erst Idaei, dann nach Barbarenart das Wort verlängert Judaei geheissen. In Folge einer in Egypten ausgebrochenen Scuche von dort vertrieben, hätten sie nach sechstägigem Umherirren fast verschmachtet am siebenten Tage in der Wüste durch eine Heerde Esel Quellen gefunden, darum verehrten sie auch jetzt den Esel als Gott in ihrem Heiligthum?) und überliessen sich an jedem siebenten Tage(da sie nach sechs Tagen des Elends am siebenten Erlö- sung und Erquickung gefunden) der Ruhe und da ihnen die Ruhe behagt, hätten sie auch noch das jedesmalige siebente Jahr für das Nichtsthun bestimmt. Weil sie einst vom Schweinefleisch-Essen krank geworden, enthielten sie sich seitdem dieses Genusses und ihr jetziges häufiges Fasten deute auf früheres langes Hungerleiden. Unter einander hielten sie sich Glaube und Treue und übten gegenseitig bereitwillig Barmherzigkeit, aber gegen alle Andern hegten sie feindlichen Hasss). Ihre Proselyten unterrichteten
1¹) a. a. O. S. 514.
2) Tacit. Histor. V. 5. Zeile 4. 5. 6 nach der Ausgabe von Heräus.
³) Josephus c. Apionem I. 25 schreibt: Toν 35 sis juâs 5kaA ιμιέ ⁷Savro AIOETiOn.
4) H. N. XIII. 46.
5) III. 7. 4.
6) Histor. V. 2. 3. 4. 5.
7) Was auch den Christen vorgeworfen wurde. cf. Tertull. apolog. c. 16. Kraus: das Spotterucifix vom Palatin. Freiburg 1872.
8) Gleichfalls Beschuldigung des Tacitus gegen die Christen: multitudo ingens haud proinde in crimine incendii quam odio humani generis(Hass gegen das Menschengeschlecht) convicti sunt. annal. XV. 44.


