Aufsatz 
Jüdische und heidnische Zeugnisse über Christus und das Christentum aus den zwei ersten Jahrhunderten vor und im ersten Jahrhundert nach Christus : 2. Teil. Die Zeit der Erfüllung der Sehnsucht
Entstehung
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12 ergreifenden Ausdruck gaben.¹) Auch Augustus, der selbst Weihegeschenke in Jerusalem darbringen liess, schützte ihre Religion; unter ihm hatten sie vorzugsweise im transtibe- rinischen Viertel, der ersten und bedeutensten Ansiedlung, ihre Synagogen und beteten dort Gott nach der Väter Weise an; aus Rücksicht auf die Heiligung ihres Sabbathes wurden unter diesem Kaiser die gewöhnlichen Spenden an Geld und Getreide den Juqen an einem anderen Tage verabreicht.²) Tiberius entzog ihnen ebenfalls seinen Schutz nicht und gewährte den Beschwerden der Juden zu Jerusalem, deren religiöse Gefühle Pontius Pilatus schwer verletzt hatte, Abhilfe. Wenn dieser Kaiser viertausend israelitische Jünglinge nach dem rauhen Klima Sardiniens unter dem Vorgeben des Kriegsdienstes gegen die Räuber ver- banntes), so war diese Massregel vom Aerger über die Abneigung der Juden, unter den Heiden Soldat zu sein, eingegeben und stand vereinzelt. Als unter Kaiser Claudius die Judengemeinden untereinander haderten, vertrieb er sie zwar aus Rom), aber ihre Rechte wurden ihnen dadurch nicht für immer genommen und war die Austreibung nur vorüber- gehend. Wenige Jahre darauf finden wir den heiligen Paulus in Rom, wo er zahlreiche Juden trifft und in seiner Gefangenschaft ungehindert mit ihnen verkehrt. Unter dem Schutze der Kaiser und Gesetze erfreuten sich die Juden und Judengenossen vollständiger Rechtsgleichheit mit den Heiden. Die jüdische Nation war im Ganzen wohlhabend; Handel und Geldverkehr waren meistens in ihren Händen von Spanien und Gallien bis nach Mesopotamien, dem persischen Meerbusen und über den Pontus hinaus. So bildeten sie, namentlich da sie fest zusammenhielten, eine gewisse Macht und weil ihre Ver- sammlungen in den Synagogen als collegia licita(erlaubte Vereine) galten, so trat auch die römische Heidenwelt der Religion Israels näher. Nur wenige aus den römischen Heiden, nahmen sie freilich vollständig durch die Beschneidung an(Proselyten der Ge- rechtigkeit); aber eine ziemliche Zahl, besonders viele Frauen, ehrte Jehova als den Einen wahren Gott und beobachtete die sogenanten sieben Noachitischen Gebote(Prose- lyten des Thores); Andere feierten, ohne das Heidenthum zu verlassen, in Rom jüdische Feste, beobachteten die Ceremonien und vertrauten jüdischen Beschwörungen. Selbst in den höchsten Kreisen, in den Palästen der Cäsaren wurde die jüdische Religion bekannt und verbreitet durch jüdische Freigelassene und deren grossen Einfluss.5) So schien die Lage Israels in der römischen Heidenwelt glänzend nnd doch sagt der jüdische Philosoph Philo aus dem ersten Jahrhunderté): die Juden müssten schon zufrieden sein, wenn sie Andern gegenüber nur nicht zurückgesetzt würden. Er hatte Recht?); die sociale Stellung

1)Um den Scheiterhaufen, auf welchem Julius Cäsar's wundenentstellter Leib in Asche ver- wandelt ward, hörten die Römer mit an Schrecken grenzendem Staunen die wildaufschreienden Klagelieder des fremden Volkes, das bei allem Verkehre mit andern Nationen sich doch von ihnen strenge gesondert hielt etc. Alfred von Reumont a. a. O. S. 350.

2) Philo leg. ad Gaj. 1015. P.

³) Tacit. annal. II. 85 Sueston Tiberius 36.

4) Sueton, vita Claudii XXV.

⁵5) Die in unseren Tagen aufgefundenen Columbarien(Begräbnissgewölbe) Claudischer Freigelassener bringen hebräische Namen. Vergl. Reumont a. a. O. S. 354.

6) leg. ad Gaj. p. 1018.

7) Friedländer: Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms 1871. Theil 3, S. 514 ff.