— 11— kommenden geistigen und überirdischen Güter zu erheben. Die ungeheure Mehrzahl der ersten Heidenchristen gehörte den gewöhnlichen Lebensverhältnissen an. Dies hatte den Vortheil, dass das Christenthum vorerst den Augen der Mächtigen entging und unange- fochten sich weiter und weiter ausbreiten konnte. Aber es liess auch befürchten, dass, wenn einmal eine Verfolgung ausbräche, man um so rücksichtsloser verfahren würde.
Noch ein anderer und viel wichtigerer Umstand, der für das Schicksal des Christenthums unter den Heiden von den grössten Folgen war, muss erwähnt werden; er bestand darin, dass die Christen des ersten Jahrhunderts im römischeu Reiche als jüdische Sekte angesehen wurden. Diese Behauptung steht durch eine Reihe von That- sachen fest.¹) Der Statthalter Gallio in Corinth sagtz), als die Juden den heiligen Paulus vor seinem Richterstuhle anklagten:„Da es sich um Worte und Namen und euer Gesetz handelt, so mögt ihr selbst zuschen, darüber will ich nicht Richter sein.“ Der Oberst Claudius Lysias schriebz) an den Landpfleger Felix:„Ich fand, dass er(Paulus) wegen Streitfragen ihres Gesetzes angeklagt sei.“ Der Statthalter Festus!) erzählte dem König Agrippa:„Sie(die Juden) hatten wider ihn(Paulus) gewisse Streitfragen über ihre Re- ligion... über solche Fragen war ich verlegen.“ Als Kaiser Claudius die Juden aus Rom vertrieb, mussten auch Aquila und Priscilla, welche Christen waren, die Stadt verlassens).
Nicht bloss die Obrigkeit auch das Volk hielt die Christen für Juden. In Philippi brachte die heidnische Herrschaft der besessen gewesenen Magd gegen Paulus und seinen Gefährten Silas bei der Obrigkeit die Klage voré):„diese Männer verwirren unsere Stadt, da sie Juden sind und verkünden eine Lebensweise, die wir nicht annehmen dürfen.“ Die Verwechslung der Christen mit den Juden lässt sich erklären: Beide beteten den Einen wahren Gott an(im Gegensatz zur heidnischen Vielgötterei); Beide besuchten anfangs dieselben Versammlungsorte, hielten sich von heidnischen Festen und Feierlichkeiten, bei denen der Götzendienst stets seine Rolle spielte, fern etc. Das Christenthum selbst erklärt sich als die geistige Vollendung des Judenthums.„Ihr Männer meine Brüder!“) spricht darum der heilige Paulus zu den Angesehensten in Roms). Durch diese Verwechslung wurden aber die Christen in dieselbe Lage gebracht, in der sich damals das jüdische Volk im römischen Reiche befand; es ist darum nöthig, hier- über näher zu sprechen. Cäsar hatte den Juden durch eine Reihe von Verordnungen überall Religionsfreiheit gewährt,?) wofür sie bei seinem Tode ihrem Danke einen
¹) Kraus: Roma sotteranea S. 45. Alfred von Reumont: Geschichte der Stadt Rom Band I. S. 368. 2) act. 18. 15. 3) act. 23. 29. ¹) act. 25. 19. 5) act. 18. 2. 6) act. 16. 20. ff. 7) act. 28. 17 Avdpec 45⸗poi, 27⁶ 055 Svariov noljcac 16 Lae— rioc 15eat To rGoꝓ rh. 8) act 18. 2 wird der Judenchrist Aquila geradezu blos»Ionοao« genannt. 9) Gieseler a. a. O. S. 55. 2*


