Gieseler(1844) ¹) nimmt Interpolationen in der Stelle an, Gaston Boissier(1876)²) betrachtet die ganze Stelle als interpolirt. Die Aechtheit wird vertheidigt von Carl Daubuz(1706), Houteville(1745), Oberthür(1805), Bretschneider(1812), C. F. Böhmert(1823), Schödel (1840), Friedlieb(1862)³), Hettinger(1863)), Otto(1864)5).
Wir glauben im Interesse unserer Arbeit zu handeln, wenn wir eine kurze Ueber- sicht der vorgebrachten Einwendungen geben.²) Man hat aus äussern Gründen gegen die Acchtheit geltend zu machen gesucht: der mit Josephus gleichzeitige jüdische Geschicht- schreiber Justus von Tiberias erwähne weder über Christus noch die Christen Etwas und von den christlichen Schriftstellern vor Eusebius(† 304) citire Keiner die doch so merk- würdige Stelle des Josephus. Auch der spätere Photius thue ihrer in seinen Mittheilungen aus Josephus keine Erwähnung. Darauf lässt sich erwidern: Justus Tiberiensis schrieb nach eigener, auch sonst von der Erzählung des Josephus abweichender Art und glaubte von seinem Standpunkte aus Christus und die Christen todtschweigen zu müssen. Dass aber über Letzteres ein Uebereinkommen unter den jüdischen Geschichtschreibern statt- gefunden, muss noch erst bewiesen werden. Wenn Justinus(† 166) in seinem Dialoge mit dem Juden Tryphon und Tertullian(† 240) in seiner Schrift gegen die Juden auf unsere Stelle keine Rücksicht nehmen, so kann unmöglich gefolgert werden: der einzig denkbare Grund hierfür sei der, dass diese Stelle damals gar nicht bestanden habe, sondern erst später von Christen in des Josephus Werke eingeschoben worden sei.
Die Sache lässt sich in anderer Weise ganz leicht erklären. Josephus hatte bei seinem eigenen Volke keine besondere Geltung, denn er hatte es erbittert durch Anwen- dung der griechischen(heidnischen) Sprache statt der hebräischen bei Abfassung seiner Werke, durch seine im Römerinteresse zum Nachtheil seines Volkes abgefasste Geschichte über den jüdischen Krieg und zumal durch die Uebertragung der Messiasidee auf die heidnischen Flavischen Cäsaren. Auch bei heidnischen Gelehrten hat des Josephus Auktorität schwerlich viel gegolten. Tacitus, der nach ihm schrieb und seine Werke kannte, hätte daraus die Wahrheit über Ursprung, Gesetze, Sitten, Religion u. s. w. der Juden erfahren können; doch setzt er Josephus bei Seite und bringt(histor. lib. V. c. 2— 5.) unwahre und ganz abenteuerliche und schwer verletzende Angaben. Anderwärts (histor. lib. V. c. 13), wo er Josephus(Bellum Jud. lib. VI. c. 5 n. 3) benützt, erlaubt er sich willkürliche Aenderungen und dichtet den Juden Götter an. Liegt es da nicht nahe, dass Justin und Tertullian darum unsere Stelle nicht citirten, weil sie dem Zeugniss des Josephus vor Juden und Heiden keine besondere Ueberzeugungskraft beilegten?
1) a. a. O.
2) Die Stelle in der Revue archéol, février 1876 p. 117: Sans doute les interpolations de ce genre ne sont pas tout à fait impossibles, puisqu'on en trouve une célèbre dans Josèphe soll wohl diesen Sinn haben.
3) Oesterreichische Vierteljahresschrift für kath. Theologie-Jahrgang 1862 S. 497.
4) Apologie des Christenthums, erste Auflage. I. Band. S. 609. Anmerkung 3.
5) In der Zeitschrift: Der Katholik 1864 Band XI. S. 152.
6) Unter Benutzung der bereits citirten Auseinandersetzungen von Huet, Gieseler, Friedlieb, Hettinger, Otto, sowie von Dr. Hubert d'Avis im Programm des Gymnasiums Hedingen bei Sigmaringen vom Schuljahr 1872 73. S. 3. ff.


