Aufsatz 
Zum Lehrplan des Gymnasiums. Erwägungen in nationalem Sinne
Entstehung
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Alſo von der Zeit an, wo ſich jene Wendung der Dinge entſchieden vorbereitet, de i. etwa mit dem Ausſterben des Mannsſtammes des Habsburgiſchen Hauſes, muß die Behandlung der deutſchen Geſchichte von dem neuen Schwerpunkt ausgehen, um das Verſtändnis derſelben von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis auf unſre Zeit anzubahnen. Dann wird ſich darin eine naturgemäße Entwickelung der Dinge finden und keine Ueberraſchung entſtehen. Und wenn die nachkommenden Geſchlechter unſern jetzigen KaiſerWilhelm den Deutſchen nennen; wenn ſie die Zeit von 1806 bis 1871 als ein langes, aber in ſeinen endlichen Folgen für Deutſchland heilbringendes Interregnum bezeichnen und nach dieſem die Reihe der deut⸗ ſchen Kaiſer fortſetzen, ſo werden ſie damit an das Volksbewußtſein anknüpfen, in welchem die Erinnerung an denKaiſer fortlebt.

Der Entwickelungsgang des deutſchen Volkes war im Ganzen ſtetig und es hat nie ſo vollſtändig mit der Vergangenheit zu brechen und alles hiſtoriſche zu vernichten geſucht, wie z. B. unſre weſtlichen Nachbarn; deswegen weil es noch nie ſo ſich ſelbſt verloren hatte. Die Freunde des Vaterlandes, deren Beſtrebungen und Erwartungen auf die Erhaltung und Stärkung des deutſchen Reiches gerichtet ſind, können unter dieſen Umſtänden mit Vertrauen der Zukunft entgegen ſehen. Die Zeit ſelbſt wird auch das Ihrige thun, daß die im Innern jetzt noch ſtark erſcheinenden Gegenſätze und Verſchiedenheiten der Anſichten und Wünſche aus⸗ geglichen werden. Wenn es aber gelten wird, die jetzt beſtehenden Errungenſchaften durch gemeinſames kräftiges Handeln zu ſichern, ſo wird kein deutſches Herz zweifelhaft ſein, was zu thun ſei. Es ſchien in dem Moment, wo der letzte Kriegsſturm gegen Deutſchland losbrach, die Ausſicht auf das Zuſammenhalten der deutſchen Staaten noch ſo ungewiß, daß Napoleon III. auf die Vorausſetzung der Neutralität der deutſchen Südſtaaten ſeine Operationspläne gebaut hatte. Aber mit welcher Treue, Feſtigkeit und Hingebung für das Geſammtvaterland bildeten ſie mit den übrigen eine d eutſche Armee, wie ſie die Welt noch nicht geſehen hatte, und wie ſchnell machten ſie die Pläne des übermüthigen Gegners zu nichte. Und um wie viel günſtiger ſtehen die Sachen für Deutſchland jetzt als damals. Ein feſtes, durch wohler⸗ wogene Entſchlüſſe gebildetes Band hat ſich um die deutſchen Stämme geſchlungen, und zur Abwehr gerüſtet ſind ſie wie nie zuvor. Iſt es demnach auch nur denkbar, daß wenn ein neuer Sturm losbrechen ſollte, die ſüddeutſchen Stämme und an ihrer Spitze die edelgeſiunten Fürſten, welche mit ſolcher Hingebung und Willigkeit von dem ganzen Vaterlande dankbar anerkannte Opfer gebracht haben, wie beſonders der hochherzige König von Bayern, weniger treu und feſt mit den andern, zuſammenhalten würden? Und würde ſich dann wohl nicht die oft gemachte Erfahrung beſtätigen, daß Deutſchland geeinigt unbeſieghar iſt?

Einigkeit macht ſtark! Die Wahrheit dieſes unanfechtbaren Spruches nachzuweiſen und Herz und Sinn der Jugend im nationalen Intereſſe dafür einzunehmen ſoll ſich das Gymna⸗ ſium beſonders bei dem Geſchichtsunterricht zur Aufgabe machen. Möge ſich denn nun auch bald eine geſchickte Hand finden, welche, geführt von aufrichtiger warmer Vaterlandsliebe, von dem Geiſte der Wahrheit, Liebe und Verſöhnlichkeit, die Geſchichte der⸗ deutſchen Nation im Sinne des wiederhergeſtellten deutſchen Reiches ſchriebe. Für ſeine Zeit verfaßte der edle Friedrich Kohlrauſch ein ſolches, im ganzen vortreffliches, Buch. Für unſere Zeit hat einen dankenswerthen Anfang mit einem ſolchen Dr. David Müller geliefert.

In Betreff der übrigen Gegenſtände habe ich dem in der erwähnten Darſtellung des Lehrplans von 1869 Geſagten nichts beſonderes zuzuſetzen. Die dort ausgeſprochenen Anſichten halte ich auch heute noch für die richtigen, namentlich die über den lateiniſchen Unterricht, ſo⸗