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land leben die verſchiedenen Confeſſionen in den mannichfaltigſten Berührungen neben und untereinander. Die politiſchen, rechtlichen, ſocialen, bürgerlichen, geſellſchaftlichen, gewerblichen u. a. Beziehungen ſind ihnen in den weſentlichen Theilen gemeinſam, und es iſt nicht zu be⸗ zweifeln, daß dieſe Gemeinſamkeit im Zunehmen iſt. Von dem Gebiet der Wiſſenſchaft und Kunſt gilt daſſelbe. Das Eingehen von den innigſten Verbindungen unter den einzelnen Gliedern ohne Unterſchied der Confeſſionen iſt ſchlechterdings unausbleiblich: denn dazu zwin⸗ gende Exiſtenzbedingungen finden ſich in großer Menge. Um es mit einem Worte zu ſagen: alle ſind auf einander angewieſen. Ja, noch mehr: wenn auch die Confeſſionen verſchieden ſind, ſo ſind doch die weſentlichen und allgemein für den Beſtand der menſchlichen Geſellſchaft nothwendigen Grundſätze des ſittlichen Handelns dieſelben. Dieſe Zuſtände haben ſich im Laufe der Jahrhunderte gebildet und ſind jetzt eben ein Element deutſcher Nationalität, welches gerade in ſeiner Exiſtenz ſeine Berechtigung ſucht und findet. Durch Reflexionen ſind dieſe Zuſtände nicht hinwegzubringen und vollends nicht durch Gewalt oder andere äußere Mittel. Ein modus vivendi aber iſt eine abſolute Nothwendigkeit, und der wird auch, wo er noch nicht iſt, ge⸗ funden werden. Dieſer wird wohl zunächſt ein äußerer ſein; aber die deutſche Nation müßte aufhören deutſch zu ſein, wenn ſie es nicht auch zu dem innern brächte.
Zur Erreichung dieſes Zieles mitzuwirken, iſt doch wohl auch Aufgabe des deutſchen Gymnaſiums. Hier ſind Knaben und Jünglinge, die ja in der ſchönſten, idealſten Zeit ihres Lebens ſtehen, in welcher die Unbefangenheit noch den empfänglichſten Boden findet, zu dem⸗ ſelben Streben zuſammen, ein gemeinſames Fundament für ihre geiſtige und ſittliche Ent⸗ wickelung zu errichten. Sie ſind beſtimmt, in den mannichfaltigſten und ausgedehnteſten Krei⸗ ſen auf ihre Mitmenſchen mitbeſtimmend einzuwirken; auf ihnen beruhen nicht geringe Hoff⸗ nungen des Vaterlandes, deſſen Geſammtintereſſen ſie dienen ſollen.
Dieſe Grundſätze mögen bei der Ertheilung des Religionsunterrichts beherzigt werden und nicht bloß bei dieſem, ſondern bei dem geſammten Unterricht und bei der Erziehung am Gym⸗ naſium den leitenden Ton angeben. Der ſpecielle Inhalt des beſonderen Lehrbegriffs, in ſo fern darin die Bekenntniſſe von einander abweichen, bleibt beſtehen; ſonſt würde dem Indifferen⸗ tismus Thür und Thor geöffnet. Aber wenn man das allen Confeſſionen in ſeinem Weſen Gemeinſame als einen einheitlichen Inhalt zuſammenzufaſſen und dieſes Gemeinſame als einen Kern des Ganzen aufzuſtellen beſtrebt iſt, dabei denn die ſtarke Betonung und nachdrückliche, beſonders die verletzende Hervorhebung des nicht Gemeinſamen, möglichſt zu vermeiden ge⸗ willt iſt, ſo wird doch noch eine ſo reiche Fülle poſitiven Inhaltes übrig bleiben, um damit zu einer gewiſſen zunächſt ideellen Union zu gelangen. Und dieſe ideelle Union wird eine reale Einigung, eine Gemeinſchaft in der Anwendung der Grundſätze des Handelns dahin ermöglichen, daß im Zuſammenleben der Menſchen nicht etwa Toleranz, Duldung,— denn das iſt als etwas vor⸗ zugsweiſe negatives nicht genug,— ſondern Liebe und Achtung gegen den Andersdenkenden, in ſo fern er ſolcher als Menſch würdig iſt, aufrichtig geübt werde. Sie iſt allein im Stande, der allgemeinen Menſchenliebe, deren Princip ja erſt durch das Chriſtenthum in die Welt gebracht iſt, im Verhalten der Menſchen zu einander wirkſame Anerkennung zu verſchaffen. Wenn es aber doch einmal nicht ohne Streit hergehen kann, ſo möge er auf das theoretiſche Gebiet be⸗ ſchränkt werden oder im praktiſchen Leben als ein edler Wettſtreit um den Vorrang der Hu⸗ manität, beſonders auf dem Felde der Sittenreinheit und der thätigen Menſchenliebe auftreten. Wie das ächte, reine Gold im Feuer, ſo bewährt ſich die ächte aufrichtige Religiöſität in der Glut der Lebensverhältniſſe. Die religiöſe Heuchelei iſt ſchlimmer als das unächte Gold; ſie


