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denſelben angemeſſene Geſetze für das ſittliche Handeln zu beſtimmen. So verſchieden nun auch die Geſtalten ſind, welche durch den in der Natur des Menſchen liegenden Drang, ſich Gott vorzuſtellen, bei den verſchiedenen Nationen gebildet ſind, ſo ſtimmen ſie doch alle darin über⸗ ein, daß ihre Sittengeſetze ihren Vorſtellungen von Gott entſprechen, und da, wo die Sitten⸗ geſetze den Gefühlen und Trieben der Menſchen zeitweiſe nicht zuſagten, das Beſtreben entſtand, die jenen Geſetzen entſpechenden Religionsvorſtellungen zu beſeitigen. So entſtanden in Wechſel⸗ wirkung beider Seiten mannichfaltige Wandelungen, welche bald langſam und ſtill, bald plötzlich und gewaltſam, bald ſegenbringend und erhebend, bald verderblich und zerſtörend für Völker und Generationen auftraten. Nationen ſind ſo theils ganz untergegangen, theils ge⸗ ſunken. Die Wiedererhebung iſt aber immer nur an der Hand der Religiöſität bewirkt worden. Eine Nation, in der nur noch ein Funke von ſittlicher Freiheit erhalten iſt, kann durch die Religiöſität zur vollen ſittlichen Wiedergeburt gelangen.
Iſt es ſonach nicht eine der höchſten humanen Aufgaben für jeden edeldenkenden Men⸗ ſchen, zur Erhaltung und Verbreitung wahrer Religiöſität nach Kräften mitzuwirken und etwa drohender Entartung entgegen zu arbeiten? Freilich aber entſteht hier die vielen Men⸗ ſchen groß erſcheinende Schwierigkeit, ſich über die Formen der Religionsvorſtellungen ſo zu einigen, daß ein Zuſammenwirken möglich ſei, und bei manchen wird durch die Nichtüberein⸗ ſtimmung das Ganze discreditirt. Nun iſt es wohl, theoretiſch genommen, ein ſchöner Gedanke, daß das ganze Menſchengeſchlecht eine allen gemeinſame Religiöſität, in objectivem Sinne ver⸗ ſtanden, beſitze, und das Chriſtenthum hat eine ſolche als erhabenes, ideales, endlich zu errei⸗ chendes Ziel hingeſtellt. Dieſes iſt der allgemeine Glaube an Gott als das höchſte perſönlich waltende vollkommene Weſen und die gleiche Beobachtung der von ihm ausgegangenen Vor⸗ ſchriften deſſelben Sittengeſetzes. Allein die realen Verhältniſſe haben bis jetzt dieſes noch nicht innerhalb der einzelnen Nationen, geſchweige denn in der ganzen Menſchheit, zu erwirken und zu erhalten geſtattet. Das Individuelle hat ſich hierbei wie das Nationale ſtets geltend gemacht, und alle Verſuche, dieſe Elemente unwirkſam zu machen, ſind bis jetzt geſcheitert. Es hat ſich gezeigt, daß ſich nach der Individualität und der Nationalität die Form theilweiſe geſtaltet, durch welche die Begriffe von Gott und den Principien der Sittlichkeit zum Verſtändnis ge⸗ bracht werden, und ſo iſt es heute noch.
Man bedenke nur, wie ſo wenige Menſchen auch nur den Anfang des Verſuches machen, den reinen Gottesbegriff in ſeiner Abſolutheit zu erfaſſen; und eben ſo iſt es mit der Unbedingtheit des ethiſchen Geſetzes. Die relative Aehnlichkeit mit dem Menſchen iſt ſchlechter⸗ dings nicht gänzlich von dem Gottesbegriff zu trennen und bei vorſichtiger Behandlung leidet dieſer auch nicht darunter; wenn man nämlich damit nur nicht wieder in den kraſſen heidniſchen Anthropomorphismus zurückfällt, der ſchon durch das Chriſtenthum überwunden war, welches das Streben, gottähnlich zu werden, gebietet. Wenn alſo der Menſch in ſeiner Schwäche des abſtracten Denkens ſich Gott als die höchſte Liebe und Fürſorge, als ſeinen unſichtbaren all⸗ mächtigen Vater vorſtellt und ſeine Hände zu ihm emporhebt, in guten wie in ſchlimmen Tagen; wenn er dann die Sittengeſetze als den Ausfluß des perſönlichen göttlichen Willens, als die Vorſchriften eines liebenden allgegenwärtigen Vaters aufnimmt: wird da nicht ſeine Menſchen⸗ würde beſſer gewahrt als durch die Kehrſeite jenes Bildes, den Nihilismus, der nur verneint und die Erde zur öden Heide macht?
Die im Vorhergehenden erörterten Grundſätze ſollten zur Beantwortung der Frage dienen, wie der Religionsunterricht an den deutſchen Gymnaſien zu behandeln ſei. In Deutſch⸗


