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wirkſamſten unter allen, die auf der Erde zur Erſcheinung gekommen ſind, bewährt haben. Der berufene, unbefangene Beurtheiler der geſchichtlichen Entwickelung der Menſchheit wird ſich nicht vor der Beantwortung der Frage zurückziehen wollen, wie es habe geſchehen können, daß das in ſo einfachen und unbeachteten Anfängen auftretende Chriſtenthum, welches doch den in der griechiſch⸗römiſchen Welt herrſchenden Anſichten und Neigungen ſo ſtark wider⸗ ſtrebende Anforderungen an den inneren Menſchen ſtellte, zu einer weltbeherrſchenden Bedeutung gelangte; ob wohl die ethiſche und intellectuelle Befriedigung, welche durch daſſelbe bewirkt wird, auf einer wunderlichen ſubjectiven Selbſttäuſchung des Menſchengeſchlechts beruhe: oder ob nicht vielmehr der Kern deſſelben für jeden Menſchen einen unantaſtbaren, unvergänglichen Schatz von Wahrheiten für die Erkenntnis und von Grundſätzen für das Handeln enthalte;— von welchem wir eben deshalb ſo durchdrungen ſind, daß wir mit unſerer ganzen Vergangen⸗ heit und mit unſerm eigenſten Bewußtſein brechen müßten, wenn wir uns davon losſagen wollten.
Aus der Würdigung dieſer Momente wird dann auch die Thatſache erklärt, daß grade diejenigen Nationen auf allen Gebieten der humanen Bildung zur höchſten Blüte gelangt ſind, bei welchen der wahre Geiſt des Chriſtenthums am kräftigſten gewirkt hat, und daß das Maß dauernden Einfluſſes, welchen Nationen nach der Ausbreitung des Chriſtenthums geübt haben, größtentheils durch den Antheil, welchen ſie ſich von jenem Geiſte angeeignet haben, beſtimmt iſt. Dies gilt eben ſo wohl von ihren Beſtrebungen, ſich in ihren äußern Verhält⸗ niſſen zu vervollkommnen und die Herrſchaft über die Natur zu gewinnen als auch zur geiſtigen und ſittlichen Veredlung zu gelangen.
Die ſittliche Veredlung haben wir hier zunächſt in's Auge zu faſſen. Das Bedürfnis derſelben liegt ſo ſehr in der Natur des Menſchen, daß es ſich mit dem Erwachen und der Stärkung des Selbſtbewußtſeins unmittelbar geltend macht. Aus dieſem Selbſtbewußtſein ent⸗ ſpringt inmitten der menſchlichen Verhältniſſe die Gewißheit, daß die ſittlichen Ideen das ein⸗ zige Gute in dieſem Leben an dem Menſchen ausmachen, daß alſo von dieſem unſer Daſein beſtimmt werden müſſe, weil wir nur dadurch zu einem Handeln gelangen, welches an und für ſich ſeinen Werth hat und dieſen unter keinen Umſtänden verliert, auch allein im Stande iſt, uns innere Befriedigung zu verſchaffen. Dieſe ſittliche Idee ſteht in der nächſten Beziehung zu der Gottesidee, welche die höchſte Vollkommenheit enthält. Denn von uns ſelbſt aus, durch eigene ſittliche Selbſtbeſtimmung allein können wir nicht zur ſittlichen Vervollkommnung fort⸗ ſchreiten: wir müſſen uns vielmehr ein ideales von der menſchlichen Unvollkommenheit freies Sein als Vorbild deſſen, was wir aus uns zu machen haben, wenn wir dem Drange, glück⸗ lich zu werden, folgen wollen, vor Augen ſtellen. Auf dieſem Wege treffen das Sittliche und das Religiöſe zuſammen; beide ſind in ihrer Wechſelwirkung identiſch. Wo die ſittlichen Be⸗ griffe nicht mit dem Gottesbegriff in Verbindung ſtehen, kann von Religiöſität nicht die Rede ſein; und von der Religion losgelöſet kann keine freie Sittlichkeit beſtehen.
Religion überhaupt iſt allen Völkern ohne Ausnahme eigen und war es immer; durch ſie iſt der Menſch wie durch eine unüberſteigbare Schranke in ſeinem Grundweſen und ohne denkbaren Uebergang von dem Thiere verſchieden. Der Nachweis, daß es irgend eine Nation ohne Religion gegeben habe, oder irgendwie auf der Erde noch gebe, iſt zwar oft verſucht, aber nicht gelungen. Wohl aber hat die Menſchheit zu allen Zeiten die Religion gepflegt und in Ehren gehalten. Die edelſten Geiſter haben für dieſelbe gewirkt und ſich beſtrebt, immer reinere, edlere und würdigere Vorſtellungsformen für das Weſen Gottes zu gewinnen und


