Aufsatz 
Zum Lehrplan des Gymnasiums. Erwägungen in nationalem Sinne
Entstehung
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gerathen, daß auch die Sittlichkeit Gefahr litt. Vor ſolcher Abirrung von dem deutſchen Na⸗ tionalgeiſt hat das Gymnaſium ſeine Jugend durch die Begründung einer tüchtigen wiſſen⸗ ſchaftlichen Bildung zu bewahren. Dadurch ſchafft es ſich aber zugleich auch eine ſichere Grund⸗ lage zur Löſung der weiteren wichtigen Aufgabe, daß es der Jugend ihren Antheil an dem Schatze der Liebe zur ſittlichen Veredlung, die unſerer Nation von den Zeiten unſerer Urväter her eigen iſt, zuführe. Dieſe Liebe iſt ſo ſehr eine Eigenthümlichkeit des deutſchen Volkes, daß ihre Verbreitung in der Geſammtheit deſſelben ſo allgemein iſt, wie vielleicht bei keinem Volke der Erde, und gewiß darf die Schule ſich rühmen, daß ſie das Ihrige zur Wahrung deutſcher Sitte und Ehre gethan hat. Es haben aber auch unſre gefeiertſten Patrioten und die ver⸗ dienteſten unter denjenigen Vereinen, welche ſich die Förderung einer vaterländiſchen Geſinnung als Ziel geſetzt hatten, die ſittliche Veredlung unſeres Volkes ſtets laut und eindringlich als eine Hauptaufgabe zur Erreichung ihrer Abſichten hervorgehoben.

Der Lehrplan.

Der Keligionsunterricht.

Nach dieſen Erörterungen wende ich mich zunächſt zu der Beantwortung der Frage, inwiefern die jetzigen Unterrichtsgegenſtände des Gymnaſiums an ſich oder die bisherige Art der Behandlung derſelben den heutigen nationalen Bedürfniſſen noch Genüge leiſten oder etwa einer Aenderung zu unterziehen ſeien.

In der ausführlichen Darſtellung des Lehrplans des Gymnaſiums in dem Programm von Oſtern 1869 habe ich die Ueberſicht über den Inhalt des Religionsunterrichts ohne weitere Bemerkungen angeführt, weil ſich zu ſolchen ein Anlaß nicht darbot. Der Zweck der vor⸗ liegenden Erörterungen jedoch ſcheint mir jetzt ein Eingehen auf dieſen Gegenſtand zu erheiſchen. Denn ſein Zweck iſt die Förderung bewußter auf beſtimmten Erkenntniſſen zu begründender Religiöſität, welche zur ſittlichen Vervollkommnung des Menſchen führen ſoll. Auch bei dieſem darf nach den oben ausgeführten Grundſätzen der Boden nicht verlaſſen werden, auf welchem ſich die Entwickelung unſerer Nationalität weſentlich vollzogen hat: es iſt der Boden der chriſt⸗ lichen Weltanſchauung, wie ſich für den Unbefangenen leicht nachweiſen läßt.

Die Kunde, welche wir von der urſprünglichen Natur unſerer Vorfahren in Beziehung auf Anlagen, auf Regungen des Geiſtes und Herzens empfangen haben, nöthigt uns zu der Annahme, daß ſie für die chriſtliche Weltanſchauung in hohem Grade empfänglich waren und darin das ihnen beſonders entſprechende Bildungselement fanden. Daher erfaßten ſie auch das Chriſtenthum, als es einmal bei ihnen Eingang gefunden und Wurzeln geſchlagen hatte, mit einer ſolchen Innigkeit und Tiefe, daß ſie darin von keiner Nation übertroffen worden ſind. Und ſo iſt es in der weiteren nationalen Entwickelung dem Kern und Grundweſen nach bis auf den heutigen Tag geblieben. Demnach hat länger als ein Jahrtauſend das Chriſten⸗ thum mit ſeinen Ideen, Vorſtellungen und Principien auf alle Verhältniſſe unſerer Nation be⸗ ſtimmend und geſtaltend eingewirkt, und mit dieſem Factor iſt ſie nun eben ſo geworden, wie ſie gegenwärtig iſt, und nicht anders. Theoretiſch mag ſich ein denkender Kopf auf einen an⸗ dern Standpunkt ſtellen und für ſich ſo gut er es eben vermag, eine ideelle Schöpfung bilden: für unſer Wirken in der Schule dürfen wir uns den realen Boden unter unſeren Füßen nicht hinwegnehmen laſſen. Das dürfen wir um ſo weniger, da ja auch an ſich die chriſtlichen Ideen und Principien ſich als die reinſten, vollkommenſten und für die Veredlung des Menſchen